Heldenmoral
Über Helden und ihre Moral - Überlegungen im Anschluss an die Figur des Odysseus (Sitzung am 1. 12. 2003)
1. Helden sind zwar Leitbilder und repräsentieren insofern direkt (durch ihr Wirken) oder indirekt (durch ihre Profilierung) eine Normen- und Wertewelt, aber diese ist historisch und kulturell geprägt und insofern wandelbar.
Nicht jeder Charakterzug und jede Verhaltensweise der antik-mythischen Titanen, Helden und übrigens auch der Götter ließ sich dem späteren christlichen Wertehorizont integrieren. Dabei wurde solche Intergrationsarbeit intensiv betrieben. Wo es nicht gelangt, antike Figuren im Sinne der Präfiguration christlicher Helden umzudeuten, wurden sie meist dämonisiert.
Zwischen der heidnisch-antiken und der christlichen Ethik bestehen zwar viele Anschlussstellen und Überschneidungen, aber auch manche Differenzen.
2. Dies zeigt sich exemplarisch an einer Gestalt wie der des Odysseus. Dieser repräsentiert zum einen Beharrlichkeit und Ausdauer, Beständigkeit, Leidensfähigkeit und Treue, zum anderen eine List, die an Verschlagenheit grenzt und jedenfalls nicht vor der Täuschung des Gegners zurückschreckt. Die erstgenannte Gruppe von Qualitäten war dem christlichen Wertehorizont problemlos integrierbar, und sie gestattete es sogar, die Gestalt des Odysseus zu Christus in eine Präfigurations- oder Analogiebeziehung zu setzen. Die Listen des Odysseus ließen ihn angesichts des hohen Ranges, den die Tugend der Wahrhaftigkeit in der christlichen Kultur besitzt, eher ins Zwielicht rücken. Odysseus gebraucht Finten; ein von christlicher Moralität modellierter Held tut dies nicht - selbst wenn er ansonsten streitlustig sein mag. Odysseus nimmt seine Zuflucht zur Lüge; was aus dem griechischen Denkhorizont als Zeichen seiner Klugheit erscheint, ist für die christliche Ethik ein Fehltritt. (Erst im 19. Jahrhundert schlägt Nietzsche vor „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn“ nachzudenken.)
3. Nicht nur die „Übersetzung“ der Odysseus-Figur in vom antiken in den christlichen kulturellen Horizont bewirkte manche Transformationen. Zu registrieren sind auch neu „entdeckte“ Qualitäten des Odysseus, welche erst mit Anbruch der Neuzeit relevant wurden.
3.1 Diese nämlich versteht sich als geprägt durch den Wunsch nach Grenzüberschreitungen, Überbietungen des Bestehenden und Erkundung des bisher Unbekannten und Unzugänglichen. Vor diesem Hintergrund gewann das Handlungsmuster der „Odyssee“ neue Signifikanz. Der Aufbruch in den Weltraum - als dem Inbegriff der noch unerschlossenen Welt - ist entsprechend als „Odyssee“ modelliert worden.
„Ausgehend von seinem Schicksal, das Odysseus in Dantes Divina Commedia
erzählt, hat das ruhelose Wesen des Odysseus, der sich erneut aufmachte, um
neue Abenteuer zu erleben und neue Städte und Länder zu sehen, hat seine
gleichsam faustische Natur die Dichter besonders fasziniert. In diesem Sinn
knüpft Alfred Tennyson in seinem Gedicht Ulysses von 1833 explizit bei Dante
an. Er schildert darin, wie Odysseus’ ruheloses Wesen ihn wieder von zuhause
wegtreibt (...).“ (Heinz Hofmann:
Odysseus: Von Homer bis zu James Joyce. In; Heinz Hofmann (Hg.): Antike Mythen
in der europäischen Tradition. Tübingen 1999, 56)
3.2 Aber nicht nur als Reise ins Unbekannte und Außerordentliche wurde die Odyssee zu einem Sinnbild für das Verhalten des neuzeitlichen Menschen, sondern auch als eine Irrfahrt. Die Geschichte des Odysseus wird auch zum Sinnbild der conditio humana, weil dieser von Kräften, die er nicht kontrollieren kann, auf wechselnden Kursen durch die Welt getrieben wird und in der Fremde herumirren muss. Die Rolle der antiken Götter und des antik konzipierten Schicksals nahm dabei auf dem Weg der Moderne zunächst eine christlich gedachte Schicksalsinstanz an, später teilweise auch eine sinnlose Fatalität oder der blinde Zufall.
4. Vom Wandel der Wert-Besetzungen und der Bewertungen der von der Antike an die Neuzeit und die Moderne vererbten Helden einerseits sind andererseits rekurrente Handlungsmuster zu unterscheiden, welche trotz sich verschiebender kultureller und sozialer Rahmenbedingungen als solche wieder erkennbar bleiben. Es gibt Konstanten des In-Szene-Setzens von Helden, welche die Filmhelden der Gegenwart mit ihren antiken (homerischen) Vorfahren verbinden. Beispiele für solch konstante und effektvolle Muster der Inszenierung von Heldenhaftigkeit sind Darstellungen heimlicher Herrscher und Helden im tarnenden Bettlerkostüm sowie die plötzliche Enthüllung ihrer wahren Identität. Unter diesem Inszenierungsaspekt gibt es Parallelen zwischen dem heimgekehrten, zunächst im Bettlerkostüm auftretenden Odysseus und Tolkiens Figuren Aragon und Gandalf („The Lord of the Rings“). Deren Selbst-Enttarnung bewirkt ähnliche dramaturgische Umbrüche wie das für die Freier mörderische Finale der Odyssee, und zwar unabhängig davon, was da jeweils unter dem Bettlermantel zutage tritt.