Ruhr-Universität-Bochum                                             Referentin: Romana Janson-Gerhard

Hauptseminar: Helden

Prof. Schmitz-Emans

Thema: Christian Kracht „Faserland“

These 1.: „Faserland“ kann als Negation des „Odysseus- Mythos“ gelesen werden. Verbindendes Motiv ist die Reise, bzw. Irrfahrt, als Suche nach Identität.

Odysseus als Held:

Ø      Beiname, der „Listenreiche“ und der „göttliche Dulder“, menschliche Züge; kommunikative Fähigkeiten;

Ø      Geschichte eines Helden (im Gegensatz zu Illias);

Ø      Odyssee als „Urgeschichte der Subjektivität“ (Adorno/ Horkheimer);

Ø      Motiv der Heimfahrt, die durch Götterwillen zur Irrfahrt wird;

Ø      Motiv des „Erkannt-werdens“ (Erkennen = Identität)

Ø      Heldencharakteristika: Ordnungsprinzip, Vorbildfunktion, Listenreichtum, Kommunikationsfähigkeit, Tatenkraft;

Faserlands Ich-Erzähler als Gegenpol zu Odysseus:

Ø      das erzählende „Ich“ am Anfang einer Reise, ohne erkennbaren Grund;

Ø      zuerst ist das jeweils nächste Ziel sichtbar, dann lässt sich der Erzähler von spontanen Ideen und Zufällen leiten. Aus der Reise wird ein Irren, später die Flucht;

Ø      während der Reise verliert der Erzähler immer mehr an Identität. („Ich sehe nicht wirklich hin, nur so an die Ränder. … Wenn ich sage, ich würde an die Ränder sehen, dann meine ich das wirklich so. Die Mitte von meinem Gesicht, die will ich gar nicht sehen, nur noch die Umrisse. Das geht natürlich nur, wenn man dabei die Augen zukneift, dann wird es so, dass die Mitte verschwindet;

Ø      der Erzähler wird nicht erkannt, seine Freunde und Bekannten sehen ihn, aber erkennen ihn nicht, oder wollen ihn nicht erkennen;(dies führt ebenfalls zum Verlust der Identität, da diese in Interaktion mit anderen gefestigt wird)

Ø      der Erzähler bleibt in den Situationen passiv und verspürt Unsicherheit, die Kommunikation findet nicht statt, oder läuft ins Leere; er ist Beobachter, kein Handelnder; die Situationen entgleiten ihn, er fällt ins Chaotische;

Ø      der Ich-Erzähler wird gerettet (von seinem Freund Rollo) kann selbst nicht retten (Rollos Selbstmord);

These 2: Faserland kann als ein Schelmenroman gelesen werden.

Charakteristika des Schelmenromans:

Ø      Ich-Erzählung, Lebensbericht als Selbstrechtfertigung;

Ø      naiv wirkender Erzähler ohne moralische Verpflichtung;

Ø      Prinzip der Additiven Reihung, verschiedene Episoden;

Ø      „Froschperspektive“ des Erzählers, ausschnitthafte Weltsicht als Folge der eingeengten Erzählperspektive;

Ø      Aufwachsen des Helden ohne elterliche Erziehung und daher keine Übernahme des Wertesystems der Gesellschaft;

Ø      Satirische Elemente, Gesellschaftssatire;

Faserland als Schelmenroman:

Ø      Subjektive Ich-Erzählung;

Ø      Der Erzähler handelt nicht moralisch, wenn er handelt; die Sprache im Plauderton erzeugt den Eindruck der Naivität;

Ø      Die Reise enthält episodenhafte Begegnungen, der Handlungsantrieb entsteht durch das Reisemotiv;

Ø      Die Perspektive ist sehr subjektiv aus dem Milieu der gehobenen Gesellschaftsschicht; dadurch entsteht die Beschränktheit der Sichtweise.

Ø      Durch die Losgelöstheit der Figur aus den gesellschaftlichen Strukturen wir keine Wertesystem vermittelt. Die Figur ist eher auf der Suche nach Werten und Moralinstanzen.

Ø      Die Form der Erzählung und deren anekdotenhafter Inhalt vermitteln Komik, gleichzeitig wird Gesellschaftskritik geübt.

Zusammenfassung:

Im Vergleich zur Odyssee ist die Figur des Ich-Erzählers als Antiheld angelegt. Das Motiv der Reise fungiert zum einen als Handlungsantrieb, muss im Falle des Antihelden aber zum Scheitern führen. Im Vergleich zur Konzeption des Schelmenromans lassen sich einige Parallelen finden, die einen modernen „Pikaro“ im Ich-Erzähler vermuten lassen.

Frage an das Plenum: Lassen sich als Rückschluss pikareske Züge bei Odysseus wieder finden?