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| 03. November 2003 | |||||
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Heldenbilanz 1
Zusammenfassende und weiterführende Überlegungen zur Sitzung vom 3.11.2003 Zur Kontextabhängigkeit von Figuren: · Rezentere Modelle der „Figur“ in der Literatur-, Dramen- und Filmtheorie betonen (anders als Jean Paul dies sah, vgl. Sitzung vom 27.10.) den Unterschied zwischen (lebendigen) Charakteren und ästhetischen Figuren. · „Figuren“ gewinnen ihre Kontur in Kontexten und bleiben stets auf diese bezogen und von ihnen abhängig. Solche Kontexte sind vor allem der Ereignis- oder Handlungsverlauf (im Roman, im Drama, im Film) und die jeweilige Personenkonstellation: Eine Figur ist, was sie ist, indem sie an einem dargestellten Prozess teilhat, und sie ist, was sie ist, nur in Beziehung auf die anderen Figuren. · Je kohärenter und geschlossener der Handlungs- bzw. Ereigniszusammenhang sich darstellt, desto stabiler und ‘geschlossener’ können Figuren sein. In partikularisierten Prozessen kann es keine „ganzheitlich“ wirkenden Figuren geben. · Das klassische Drama in seiner „geschlossenen Form“ konturierte zumindest der Idee nach in sich „gerundete“ Charaktere. In der Moderne partikularisieren sich Figuren und dargestellte Ereignisse in analoger Weise. · Vor allem der Film öffnet die Augen für die Konsequenzen der Abhängigkeit der Figuren von ihren Kontexten. Man sieht gefilmte Figuren stets ‘partiell’, oft konkret in Gestalt einzeln abgefilmter Körperteile, einzelner Gesten, einzelner Bewegungen. Die gefilmte Figur ist nie als Ganzes präsent. Sie zerfällt in Einzelmomente und -aspekte. · Im Schauspiel sieht man demgegenüber zwar (meist) ganze Körper, aber zumindest das moderne Drama zeigt eine Tendenz zur Darstellung fragmentierter Figuren, insofern diese Figuren nicht wie konsistente Charaktere agieren, sondern situationsbezogen und oft als Teil-Ichs. · Die erzählende Literatur arbeitet grundsätzlich allenfalls mit der Suggestion „ganzer Charaktere“, tatsächlich produziert auch sie Figuren, die in Einzelaspekten zur Darstellung kommen. Dies kann sich unterschiedlich konkretisieren: Manche erzählten Figuren scheinen dazu einzuladen, sie im Rezeptionsprozess imaginativ als „ganze“ Personen wahrzunehmen, also gleichsam „Charaktere“ zu imaginieren. In vielen Werken der modernen Erzählliteratur wird hingegen eher dissoziativ verfahren: Figuren werden ostentativ nur in Teilaspekten gezeigt. Damit soll u.a. die regulative Idee des geschlossenen, mit sich identischen Charakters unterlaufen werden; in Frage gestellt wird aber auch das Vertrauen in die grundsätzliche Möglichkeit einer Darstellung von „Ganzheiten“. · Als Beispiele expliziter Auseinandersetzung mit dem Problem der „Person“ durch Reflexion über literarische Figuren zu nennen wären etwa Luigi Pirandellos Roman „Uno, nessuno e centomila“ („Einer, keiner, hunderttausend“), Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ oder Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“. · Teilweise lehnen sich Werke moderner Erzählliteratur an filmische Darstellungsstrukturen an, insbesondere unter Verwendung von „Schnitt-Techniken. Dies gilt etwa für diverse Beispiele des „nouveau roman“ (Nathalie Sarraute, Alain Robbe-Grillet, Michel Butor). Hier werden die Figuren von „außen“ in Gestalt von diskontinuierlichen Einzelaspekten gezeigt. |
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