03. November 2003

Figuren-Theorie

Die Texte von Greiner und Pfister sind im Seminar bisher nicht besprochen worden.
Daher an dieser Stelle eine thesenhafte Zusammenfassung.
(M. Schmitz-Emans)

Norbert Greiner: Figur. In: N. Greiner/J.Hasler/L.Pikulik: Einführung ins Drama, Bd. 2. S. 9-68. I. Die Seinsweise dramatischer Figuren; II. Figurenkonzeptionen; III. Die Figur als Chiffre im modernen Drama.

I. Die Seinsweise dramatischer Figuren ist charakterisierbar durch die Stichworte: Dichte, Abstraktion, Funktionalität.

· Dramatische Figuren konturieren sich in Handlungskontexten und sind nur in Bezug auf diese beschreibbar.

· Dramatische Figuren ‘sind’ nicht einfach da (so wie reale Charaktere existieren), sondern sie bedeuten etwas, sind also Träger von Bedeutung. (Analoges gilt für ihre einzelnen Momente und Äußerungen.)

· Dramatische Figuren existieren in den, für und durch die Szenen, in denen sie agieren.

· Dramatische Figuren sind Konstrukte und - verglichen mit real gegebenen Charakteren - Gegenstände ‘höherer Ordnung’. (Sie sind ‘Verdichtungen’.)

· Dramatische Figuren gewinnen ihr Profil als Korrespondenz- oder Kontrastfiguren zu anderen.

II. Figurenkonzeptionen sind historisch und gattungsspezifisch variabel.

· Zwischen Figurenkonzeption und Menschenbild bestehen Korrespondenzen (etwa bezogen auf die Auffassung von Heteronomie oder Autonomie des handelnden Charakters, auf Schicksalsglauben, Schuldkonzepte, spezifisches Individualitätsverständnis etc.).

· Es gibt unterschiedliche Formen der Typisierung, die u.a. gattungsabhängig sind (Komödie, Tragödie)

· Der Interpret muss zunächst ein Bild davon gewinnen, welche Figurenkonzeption der Figur zugrunde liegt. Neben dem jeweils zugrundeliegenden Menschenbild und gattungsspezifischen Parametern sind wirkungsästhetische Erwägungen und gesellschaftliche wie diskursive Gegebenheiten für die dramatische Charakterprofilierung prägend.

III. Die Figur als Chiffre im modernen Drama erfordert teilweise spezifische Beschreibungsformen.

· Im modernen Drama gibt es „Schwundfiguren“, die eher via negationis als positiv beschreibbar sind.

· Besonders wichtig für die Figurenzeichnung ist deren Sprachverhalten.

· Dies schließt ‘sprachgestische’ Eigenarten ein, etwa auch das Verstummen.



Manfred Pfister: Sprachliche Kommunikation und Figur / Personal und Figur. In: Das Drama. 1982. S. 171-179, S. 220-264. - Sprachliche Kommunikation und Figur (171-179) / Zum Status dramatischer Figuren (221-224) / Personal, Figurenkonstellation und Konfiguration (225-235) / Figurenkonzeption und Figurencharakterisierung (240-264).

(Sprachliche Kommunikation und Figur. Schwerpunkt: Sprachliche Charakteristik)

· Für die Figurendarstellung ist deren sprachliche Charakterisierung besonders wichtig; entsprechend schließt man von ihrer Sprache auf ihr Figurenprofil. (Die Dimension der Sprache als „Ausdruck“ des Sprechers heißt die „expressive“ Funktion oder Dimension.)

· Die ‘expressive’ Dimension kann durch andere überlagert werden, so etwa durch eine allgemeine Tendenz des Stücks zu sprachlicher Stilisierung („poetische Funktion“: Verweis der Sprache auf sich selbst), oder durch stilistische Homogenisierung der Gesamtdarstellung, durch Zusatzstrukturierungen wie Reim und Metrum.

· Die Sprache/Sprechweise der einzelnen Figur kann ferner geprägt sein durch den Situationsbezug.

· Allgemein gilt, dass Figuren sich sprachlich zur Darstellung bringen. Zu unterscheiden sind Explizite und implizite Selbstdarstellung, wobei letztere willkürlich oder unwillkürlich erfolgen kann.

· Wichtig sind dabei auch paralinguistische Besonderheiten (wie die Stimmqualität), die stilistische Dimension der sprachlichen Selbstdarstellung und das sprachliche Verhalten (vor allem in Dialogen).

(Personal und Figur. Schwerpunkt: Welche Parameter sind bei der Darstellung und Deutung von Figuren wichtig?)

· Anders als reale Charaktere sind Figuren kontextabhängig und nicht in andere Kontexte transponierbar.

· Jede Einzelinformation über sie sollte zunächst einmal als Träger von Bedeutung betrachtet werden (etwa Namen - anders als bei wirklichen Personen).

· Die Gestaltungsmöglichkeiten von Figuren sind in Romanen und in Dramen unterschiedlich gelagert.

· Figuren bilden Schnittpunkte von Kontrast- und Korrespondenzverhältnissen zu anderen Figuren; insofern gewinnt sie ihr Profil stets in einem Figuren-Rahmen.

· Es gibt unterschiedliche methodische Ansätze, solche Kontrast- und Korrespondenzverhältnisse zu beschreiben und auf dieser Basis zu klassifizieren.

· Man unterscheidet etwa unterschiedlich „weite“ Figurentypen sowie statische und dynamische Figuren. Es gibt ‘transpsychologische’ und ‘psychologische’ Figurenkonzeptionen.

· Man unterscheidet ferner zwischen „Personifikation“, „Typus“ und „Individuum“.

· Für die Moderne charakteristisch sind u.a. Darstellungen von Identitätsverlusten, was dann Einfluss auf die Darstellungsformen nimmt.

· Man kann die „Techniken der Figurencharakterisierung“ in einem systematischen Überblick umreißen (S. 252 bzw. Reader S. 75). Hier spielen sprachliche und sprachbezogene Darstellungsformen eine wichtige Rolle, doch komplementär dazu sind andere Techniken zu nennen. (Aussehen, Verhalten, Handlungen...)