Musterporträt eines literarischen Helden - und einige Bemerkungen zum Stichwort „Heldentum“ (MSE)
Zur Figur
des Santiago in Ernest Hemingways „The Old Man and the Sea“ (1952)
I.
Handlung und Mittel
der Darstellung
1. Santiago ist ein alter kubanischer Fischer, der seit Wochen keinen Fang mehr gemacht hat. Nachdem er früher in dem Jungen Manolin einen Gehilfen hatte, muß mittlerweile allein zum Fischen ausfahren, da Manolins Eltern ihn einer erfolgreichen Mannschaft zugeteilt und den Alten für erledigt erklärt haben. Nach mehr als 80 Tagen ohne Fang wagt er sich weiter als üblich in den Golfstrom hinaus. Ein Schwertfisch beißt an, der aber viel zu groß und zu stark ist, als daß er ins Boot geborgen werden könnte. Allein die Leine zu halten, an welcher der Fisch hängt, erfordert immense Kräfte. Zwischen dem um sein Leben kämpfenden Tier und dem letztlich ebenfalls in einem Überlebenskampf befindlichen Fischer kommt es zu einem Kampf, bei welchem es darum geht, wer die größere Ausdauer und das größere Kraftpotential besitzt. Dieser Kampf dauert zwei Tage und Nächte. Santiago, dessen Heldentum darin besteht, sich nicht aufzugeben, führt während dieser Zeit Selbstgespräche und imaginative Gespräche mit Manolin, er ermutigt sich selbst, unter anderem in Erinnerung an frühere Leistungen. Seine Hände werden beim Kampf um die leine völlig zerschnitten, und andere Schmerzen setzen ihm zu. Schließlich kommt der Fisch nahe genug ans Boot heran, um durch eine Harpune erlegt zu werden. Santiago vertäut ihn außen am Schiff und nimmt Kurs auf die Küste, wo er vom Erlös dieses Fangs eine lange Zeit leben könnte. Doch Haie fallen den toten Schwertfisch an und fressen ihn auf, so daß Santiago bei der Heimkehr nurmehr das riesige Gerippe seiner Beute mit sich führt. Santiago trägt stoisch auch diesen Mißerfolg. Manolin nimmt sich seiner an und will zu ihm zurückkehren.
2. Santiago wird aus zwei Perspektiven bzw. mittels zweier Strategien porträtiert: Erstens von außen, durch den auktorialen Erzähler, der sein Äußeres und sein Verhalten beschreibt, zweitens von innen, vor allem durch Protokollierung der Reflexionen und Selbstgespräche Santiagos. Gerade letztere bieten die Möglichkeit, darzustellen, was Santiago denkt und wie sein Charakter beschaffen ist.
Sein wesentlicher Zug, das zeigen die Selbstgespräche explizit, so wie es in der Handlung des Romans implizit zum Ausdruck kommt, ist seine stoische Ausdauer, Leidensfähigkeit und Unerschütterlichkeit auch angesichts extremer physischer und psychischer Belastungen, verbunden mit dem Willen, sich selbst niemals aufzugeben.
Durch die Darstellung seiner Monologe können die Grundgedanken explizit artikuliert werden, die Hemingways Heldenkonzept formen: Der Mensch dürfe sich niemals aufgeben, auch dann nicht, wenn er geschlagen werde.
„’But man is not made for defeat,’ he said. ‘A man can be destroyed but not defeated.’“ (93)
In der semantischen Differenzierung zwischen ‘destruction’ und ‘defeat’ liegt die Kernbotschaft von Hemingways Heldengeschichte: ‘Zerstört’ werden kann der Körper, zerstört werden kann die physische Existenz eines Menschen (und Santiago wird physisch wie ökonomisch schwer beschädigt). ‘Niederlagen’ jedoch spielen sich, wo sie stattfinden, in der psychischen Dimension ab. Wer sich aber selbst nicht aufgibt, erleidet keine Niederlage, auch wenn er zerstört wird.
Da der Erzähler auktorial in das Innere seiner Figur zu sehen vermag, trägt auch er zur Darstellung Santiagos aus der Innenperspektive bei, so wenn er erwähnt, daß dieser keinen falschen Stolz besitze und in seiner Schwäche bereit sei, Manolins Hilfe anzunehmen („he knew it was not disgraceful and it carried no loss of true pride.“, 9)
Charakterisiert wird Santiago auch durch den Inhalt seiner erzählerisch mitgeteilten Gedanken, Erinnerungen und Träume. Seine Gedanken streifen zurück zu Sporthelden der Vergangenheit, und in seinen Träumen kämpft er gegen Löwen.
Die Beschreibung von außen ist als indirekte Darstellung nicht minder profilbildend. So erscheint Santiagos verrunzeltes Gesicht wie ein Text, der von seinem langen und ereignisreichen Leben spricht, das seine Spuren hier eingeschrieben hat.
Eine dritte Strategie neben der Beschreibung von Verhaltensweisen und Erscheinung der Figur und dem Protokoll von Gedanken, Reden und Träumen ist die assoziative Überblendung dieser Figur mit anderen. Santiago erscheint passagenweise als eine Christusfigur, ohne daß dies explizit gesagt würde. Er wird in einer Haltung unter dem Mast seines Segelbootes geschildert, welche ikonographisch der konventionellen Darstellung des unter dem Kreuz zusammenbrechenden Christus entspricht. Dazu passen auch die wiederholten Beschreibungen der Schmerzen, die er wegen seines geschundenen Körpers erleidet und erträgt.
Neben christlichen Vorstellungen über das Heldentum, das im Martyrium liegt, sind es stoische Ideen, welche den kulturellen Hintergrund von Hemingways Heldenkonzept prägen: insbesondere die Vorstellung, physische Leiden müßten ertragen werden.
„’(...) pain does not matter to a man (...)’“ (75)
II.
Subjektivierung des
Heldentums
Es geht nicht um die Leistung als solche, nicht um den Effekt der Heldentat (das wird sinnfällig gemacht an dem Fischgerippe: alles war sinnlos).
Entscheidend ist die Selbstbehauptung gegen Mächte, die stärker sind als der Mensch. Der Mensch ist hineingestellt in eine Welt, die an sich fremd und feindlich ist. Das Dasein ist ein Kampf. Um diesen Kampf zu überstehen (um einen Sieg kann es gar nicht gehen), bedarf es eines spezifischen Heldentums.
Dieses besteht darin, in entscheidenden Momenten durchzuhalten und über sich hinauszuwachsen.
Es kommt also nicht darauf an, wer bzw. was jemand ist (der ‘kleine Mann’ als Held ist eine modernespezifische Figur), und wenig darauf, was einer tut und bewirkt (der Held ohne Lohn, der erfolglose Held ist ebenso ein zentraler Figurentypus) - entscheidens ist die innere Einstellung: die Bereitschaft, etwas zu leisten, was eigentlich über die eigenen Kräfte geht.
Dabei kann es gleichermaßen um psychische wie um physische Herausforderungen und Strapazen gehen.
Insofern hier ein stark subjektiviertes Konzept von Heldentum vorliegt, interessiert normalerweise auch der individuelle Held in seiner psychischen Verfassung mehr.
Die Darstellung eines solcherart verinnerlichten Heldentums stellt die darstellenden Medien (seien es Bildmedien, sprachliche Medien oder Medienkombinationen) vor neue Herausforderungen: Wie stellt man eine innere Einstellung dar?
1. Visuelle
Strategien:
a. Szenische Darstellung der Mühsal. Entscheidend ist nicht das absolute Resultat, sondern die Relation zwischen zu investierender Mühe und angestrebtem Ergebnis. „Bemühung“ läßt sich schauspielerisch durch gestische und mimische Mittel gut darstellen.
b. Wahl von „Kleinen“ Helden: Die Diskrepanz zwischen Kraft und Leistung, an der sich das Heldentum bemißt, ist relativ größer, wenn die zu erwartenden Leistungen durch die schließlich erbrachten übertroffen werden. Der idealtypische Held ist unter diesem Aspekt am besten nicht größer als 1,50 Meter (oder im Greisenalter). Erinnert sei an Dustin Hoffmanns Marathon Man (und an das berühmte Bild eines echten Marathonläufers: eines zierlichen Mannes, der an der Ziellinie vor Erschöpfung zusammenbricht). Erinnert sei an Figuren wie Frodo (der an sich „unheldenhaft“ ist und sich durch eine Ausdauer bewähren muß, die ihm nicht ‘liegt’).
2. Inhaltsbezogene
Strategien
a. Wahl von „dummen“ Helden: Auch intellektuell mittelmäßige, noch unentwickelte oder unterbelichtete Helden sind geeignet, die Diskrepanz zwischen zu erwartenden und schließlich erbrachten Leistungen zu vergrößern, weil man wenig von ihnen erwartet. Auch hier kommt es nicht auf das absolut Erreichte an, sondern auf die Ausdauer des Strebens, die Ausdauer der Immer-weiter-über-sich-hinaus-gelangen-Wollens. „Forrest Gump“ ist ein Beispiel dafür, wie aus einem nahezu schwachsinnigen Individuum ein Held wird, weil er die Bereitschaft zu einem ausdauernden Weiterlaufen hat (das nicht durch seinen direkten praktischen Nutzen bedeutsam ist).
b. Wahl von „schwachen“ Helden: von Alten (Santiago), Kranken, Gebrechlichen, Verletzten etc. Auch hier gilt: Je weiter der Abstand zwischen Erwartbarem und Geleistetem, desto markanter der Selbstüberwidnungskoeffizient.
c. Bekehrung negativ charakterisierter Figuren zum „Helden“. In diesem Fall resultiert die Spannung zwischen Erwartetem und Geleistetem aus einer zunächst in eine andere Richtung gehenden Erwartung, und der Charakter hat vor allem seine eigene Tendenz zum Bösen bzw. zu bestimmten negativen Charakterzügen oder Verhaltensweisen zu überwinden (Aggressivität, Eifersucht, Geldgier, Menschenfeindlichkeit etc. etc.) Infofern Selbstüberwindung im Zeichen eines subjektivierten Heldenverständnisses das eigentliche Heldentum ausmacht, ist der ehemals „böse“, einen inneren Wandlungsprozeß durchlaufende, schließlich „gute“ Held einer der wichtigsten Figurentypen in neuzeitlichen literarischen und filmischen Erzählungen. Für seine Profilierung ist im übrigen biblisches Gedankengut bedeutsam: die Lehre, daß man sich im Himmel über einen reuigen Sünder mehr freut als über viele Gerechte, wie sie im Gleichnis vom verlorenen Sohn vermittelt wird; ferner die Geschichte der Bekehrung des Saulus zum Paulus.
III. Zur Funktion des
modernen Helden
Der Konzeption subjektiven Heldentums ist eine (teils mehr, teils weniger verschlüsselte) Interpretation der Beziehung des Menschen zur Welt eingeschrieben. Der Einzelne wird nicht (mehr) in der Rolle des potentiellen Beherrschers der ihm antagonistischen Kräfte gedacht - handle es sich dabei um natürliche Mächte oder um die soziale Mitwelt. Er befindet sich nicht in einem Eroberungs-, sondern in einem Überlebenskampf.
IV. Voraussetzungen
moderner Heldenmodelle
Zu den ideologisch-kulturellen Grundlagen dieser neuzeitlichen Konzeption subjektiven Heldentums gehört die christliche Religion, insbesondere die Idee des Martyriums. Märtyrer sind bereit, ihr Leben für eine Idee einzusetzen, wobei es gleichgültig ist, ob sie äußere Erfolge erzielen, und sie wachsen damit über sich hinaus. Die Gegenwartskultur kennt diverse Spielformen des säkularisierten Märtyrers, darunter ideologisch bedenkliche.