Ruhr-Universität Bochum |
Andrea Krebs |
Wintersemester 2003/2004 |
Komparatistik/Germanistik |
Person & Figur |
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Prof. Dr. Schmitz-Emans, Prof. Dr. Beilenhoff |
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Heldenporträt
Ein
immer wieder in Walsers Romanen auftauchendes Thema ist die Abhängigkeit, in
der die jeweiligen „Helden“ stehen. Diese Abhängigkeit kann in der Beziehung
zur eigenen Frau, zu fremden Frauen, zu Vorgesetzten, Kollegen oder Freunden
liegen. Walsers Helden sind meistens durchschnittliche Menschen, deren Leistung
in der Bewältigung ihres oft banalen Alltags liegt. Sie schlagen sich mit
Problemen herum, die uns als Leser nicht fremd sind. Beziehungs-, Familien- und
Berufsprobleme stehen im Vordergrund. Sie sind in ihre eigene kleine Welt
„verbohrt“ und versuchen, mit ihr irgendwie fertig zu werden. Wie Walser selbst
sagt, sind sie meist schwächer als ihr Gegenpart. Er setzt sie bewusst in einen
Gegensatz zu einem Widersacher, dem sie nicht ebenbürtig zu sein scheinen. Sie
sind also schon von daher bereits „untypische“ Helden, bieten aber viel
„Identifikationsmaterial“ für den Leser. Sie sind in einer alltäglichen,
bürgerlichen Welt lokalisiert, die nicht nur nichts Außergewöhnliches zu bieten
hat, wie es bei einem klassischen Helden doch meistens der Fall ist, sondern
in der diese fehlende
Außergewöhnlichkeit vom Helden selbst auch noch zum privaten Thema gemacht
wird. Walsers Helden leiden daran, dass sie an andere nicht heranreichen
können, dass sie zu unterliegen drohen, dass ihr Leben verfahren ist.
Meine Perspektive ist, daß
ich seit 1976, seit „Jenseits der Liebe“, in einer vollkommenen Verbundenheit
mit der Hauptfigur erzähle, aber trotzdem in der dritten Person. ... Und mich
interessiert, daß die Gegenüber dieser Hauptfiguren meistens stärker sind als
meine Hauptfiguren, und ich kann meinen Hauptfiguren keinen Kommentartrost
mitgeben oder einen aufklärerischen oder sonst einen, sondern alle Leiden ...
gehen direkt durch die Hauptfigur auf den Leser weiter.[1]
Die Helden der verschiedenen Romane gleichen
sich nicht nur vielfach in Hinblick auf ihre Abhängigkeit und ihre Konflikte,
sondern sie „kennen“ sich manchmal sogar. Helden tauchen plötzlich außerhalb
ihres Romans in einem anderen Buch wieder auf und sind dort Randfiguren,
gehören zu dem Umfeld, das den Helden umgibt und das ihm so zusetzt. So ist der
zwischendurch erwähnte Cousin von Franz Horn (Held des in diesem Portraits
vorgestellten Romans Brief an Lord Liszt),
Gottlieb Zürn, selbst Held der Romane Das
Schwanenhaus und Jagd. Die Helden
Walsers präsentieren stets eine sehr lebendige Innenwelt, an der wir als Leser
teilhaben dürfen. Sie steht in krassem Gegensatz zur Außenwelt, die von all dem
Tumult, der sich im Helden abspielt, nichts ahnt. Dadurch fällt eine
Identifizierung mit dem jeweiligen Helden leicht, bzw. lässt sich seine
Bedrängnis zumindest gut nachvollziehen, da viele Leser die Situation
wiedererkennen mögen, dass innen eine Welt zusammenbricht, während der Alltag
ganz normal weitergeht und der eigenen Misere zu spotten scheint.
Der
Held des Romans Brief an Lord Liszt
ist ein Familienvater, der als Angestellter in einer Dentalfirma arbeitet. Er
ist ein Mensch, der bereits einen Selbstmordversuch hinter sich hat und sich in
vielfältigen Abhängigkeiten zu anderen Menschen befindet. Schon sein Name,
Franz Horn, ruft keine großartigen Assoziationen hervor. Es ist kein Name, der
schon allein durch seinen Klang beeindrucken würde, sondern eher der eines
durchschnittlichen Mannes, der sich durch nichts aus der Masse hervorhebt.
Bezeichnenderweise fehlt ihm seit seinem Selbstmordversuch ein Stimmband. Er
kann nicht mehr schreien, sich nicht mehr lautstark durchsetzen. Trotz
fehlenden Selbstbewusstseins und großer Schwächen ist er jedoch imstande, sich
schließlich aus eigener Kraft aus seinem Seelenchaos zu befreien. Im Erdulden
seiner „Kleinheit“ und in der Bewältigung seiner Probleme, die ihn, aber nicht
die Welt bewegen, liegt sein Heldentum.
In
diesem Roman geht es hauptsächlich um einen Brief, den Horn an seinen Kollegen
Liszt schreibt. Liszt betrachtet er als Konkurrenten in der Firma, aber auch
als Freund, und er leidet darunter, dass er sich mit ihm zerstritten hat. In
seinem Brief will er den Streit und überhaupt das Verhältnis zu Liszt
durchleuchten und analysieren. Aus einem Entschuldigungsschreiben wird mehr und
mehr eine Abrechnung und eine Entlarvung. Aus einer Abhängigkeit wird eine
Befreiung.
Horn
steht zu Beginn des Romans gleich in zwei Abhängigkeiten (die Abhängigkeit von
seiner Frau, die auf Gegenseitigkeit beruht, lasse ich in diesem Portrait außer
acht): in der von Liszt und in der von ihrem gemeinsamen Chef Thiele. Diese
Abhängigkeiten unterscheiden sich jedoch erheblich: Thiele ist kein nahbarer
Mensch und Horn hat es längst aufgegeben, bei ihm noch in hoher Gunst stehen zu
wollen. Liszt ist als Konkurrent an seine Stelle gerückt, stand ebenfalls in
hoher Gunst und kämpft nun verzweifelt darum, sie zurück zu erobern, denn auch
er hat sie inzwischen verloren zum Vorteil eines anderen. Das hat Horn schon
hinter sich. Die Abhängigkeit von Liszt
beschäftigt ihn viel mehr und veranlasst ihn zu seinem Brief. Liszt ist nicht
nur sein Konkurrent, sondern auch ein Mensch, den er liebt und bewundert. Doch
auch seine Bewunderung ist zwiespältig: Er sieht, dass Liszt genauso unter Thiele
zu leiden hat wie er selbst. Er sieht, dass auch Liszt eigentlich schwach ist
(wie ähnlich sie sich sind, wird z. B. auch dadurch deutlich, dass Liszt Thiele
„Sir Arthur“ nennt, also die gleiche halb verehrende, halb ironische
Namensgebung praktiziert wie Horn mit „Lord Liszt“, vgl. S. 57f.[2]).
So fühlt er eine Nähe und Verbundenheit der Verlierer (vgl. z. B. S. 57), die
er vom anderen erwidert sehen möchte (vgl. z. B. S.69). Liszt jedoch sträubt sich. Er will seine
Niederlage nicht eingestehen. Dies reizt Horn so sehr, dass er sich mit dem
Kollegen in einem Gasthaus anlegt und einen Streit entstehen lässt, den er nun
im Brief zu rechtfertigen versucht. Er erkennt, dass Liszt ihn unter sich
wissen muss und sich nicht auf eine Stufe mit ihm stellen will, weil das dem
Eingeständnis seiner Niederlage in der Firma gleichkäme.
Eigentlich
ist es der Held, der oft gottgleich verehrt wird und der sich in seiner
Allmacht und Stärke den Qualitäten eines Gottes annähert. Franz Horn dagegen
ist zunächst sehr schwach. Der gottgleich Verehrte ist ein anderer: Liszt.
Nicht umsonst redet Horn ihn in seinem Brief mit „mein Lord“ oder „Mylord“ an.
Er erklärt, dass Liszt etwas Lordhaftes habe und er ihn deshalb so nenne, aber
das ist es nicht allein. „Lord“ ist im Englischen eine Bezeichnung für „Gott“,
die in Gottesdiensten, gerade in der direkten Anrede im Gebet, sehr häufig
gebraucht wird. Überträgt man dies nun auf Horns Beziehung zu seinem Kollegen,
so erhält Liszt sofort etwas Göttliches. In diesen Zusammenhang passt auch
Horns Verhalten bezüglich eines Fotos von Liszt. Das Bild liegt in einer
Schreibtischschublade und Horn hat oft das Bedürfnis, es anzusehen.
Gleichzeitig würde er es auch gerne vernichten, weil er sich davon beherrscht
fühlt, aber dazu ist er nicht in der Lage. Das Foto erinnert an ein
Heiligenbildchen, das in Hoffnung auf Hilfe betrachtet und angebetet wird (vgl.
S. 18f., 24, 35). Immer wieder finden religiöse Elemente in diesem Roman
Anwendung und betonen die absurde Abhängigkeit, in der Horn steht. Jedoch
mischt sich auch mehr und mehr ein ironischer Unterton in die doppeldeutige
Anrede „mein Lord“ (vgl. z. B. S. 41).
Dem
Helden, der erst noch völlig unheldenhaft vor seinem Freund und gleichzeitigen
Widersacher im Staube kriecht, der sich von ihm demütigen lässt und innerlich
wie ein Satellit um ihn und um nichts anderes mehr kreist, gelingt der
Befreiungsschlag. Dem „Kernbrief“, der noch zwischen empörter Rechtfertigung
und selbsterniedrigender Entschuldigung schwankt, folgen eine Reihe von P.S., die
im Ton immer selbstbewusster werden. Er rekapituliert die ganze Geschichte des
Streites und gibt intime Einblicke in
das Verhältnis zwischen Liszt und ihm, so, wie er es aus seiner Sicht
heraus wahrnimmt. Er erzählt, wie Liszt bei einem Ausflug nach Hamburg Horns
Uhr in einen Mülleimer geworfen hat, um seine Treffsicherheit zu beweisen (S.
36f.). Er erzählt, wie sie gemeinsam vor dem Streit in der Haltnau (eine
Gaststätte am Bodensee, zwischen Meersburg und Hagnau gelegen) einmütig über
die Weinberge wandern und eine fast zärtliche Idylle zwischen ihnen entsteht
(vgl. S. 50 ff.). Er erzählt, wie sei beide im Gasthaus auf ihren Chef warten
(der sie bezeichnenderweise sitzen lässt und nicht kommt) und es im Gespräch
über dessen vorzügliche Verdauung zum Streit kommt, weil sich Liszt auf Thieles
Seite stellt und nicht gemeinsam mit Horn über ihn herzieht (vgl. S. 57ff.).
Bevor er ein weiteres P.S. hinzufügt, heißt es: Er wollte so rasch als möglich weiterschreiben. Lord Liszt und Sir
Arthur sollten ihren Franzl Horn kennenlernen. (vgl. S. 61) Es entsteht
jetzt eine unaufhaltsame Dynamik. Horn ist in einen Schreibrausch geraten, der
nur noch einer Besserung seines Befindens dienen kann. Die Entschuldigungen
werden deutlich seltener, er beginnt, aufzutrumpfen. Ihm ist klar, dass bei der
geplanten Fusion seiner Firma mit einer anderen, Liszt und er unter den Tisch
fallen werden. Wie befreit spricht er Klartext und beweist mit unbestechlicher
Logik, dass Liszt und er tatsächlich in einem Boot sitzen und für die Firma
ersetzbar sind. Mit einiger Grausamkeit beschreibt er Liszts Rollenwechsel in
der Firma und entlarvt seinen Hang zur Hochstapelei. Er kommt zu dem Schluss,
dass Freundschaft zwischen zwei Konkurrenten keine Chance hat (vgl. S. 92).
Immer weiter steigert sich Horn in seine Abrechnungsorgie hinein. Zu Beginn von
PS VI spricht er von Übermut oder Fieber (vgl. S.
101). Er sagt: Ich bin nicht wie sonst.
Das sehen Sie. Ich bin doch geradezu kühn. Seine neue Heldenhaftigkeit
nimmt Gestalt an. Er rechnet nicht nur mit Liszt, sondern indirekt auch mit
Thiele ab. Es gelingt ihm, Thiele als Verkörperung einer ganzen Epoche zu
sehen, so skrupellos, selbstherrlich und erfolgssüchtig wie er Horns Meinung
nach ist. Finden Sie nicht auch, daß
diese ganze Epoche täglich mehr à la Thiele wird? Seine Fähigkeit, an nichts
glauben zu müssen als an sich selbst, ist inzwischen zur Lieblingstugend der
Epoche geworden. (vgl. S. 104f.)
Horn
gerät in ein Feuerwerk seiner eigenen Gedanken. Er schwankt noch immer, wie er
sich nun zu Liszt stellen soll. Er stößt Sätze aus wie: ... Ich mag sie ganz sicher nicht. .... Sie sind das ziselierteste
Monster, das ich kenne... Ich möchte mit Ihnen nichts mehr zu tun haben. ... (vgl.
So. 132ff.) Er kommt aber auch zu folgender Erkenntnis: Der Finger, mit dem ich auf euch zeige, biegt sich ganz vorne an der
Spitze zu mir zurück. Eine Versöhnung mit Liszt ist dennoch nicht mehr
möglich. Er braucht die Distanz, um die innere Trennung vom ehemaligen Kollegen
und Freund zu vollziehen. Er wird zuweilen pathetisch, theatralisch, um
schließlich in Ernüchterung, aber auch Gelassenheit zurück zu sinken. Oh Lord Liszt, mir geht es jetzt gut. ...
Etwas Gutes ist zwischen uns nicht mehr möglich. Diese Narben bleiben Wunden.
Auch wenn wir besten Willens Frieden schlössen, harmlos werden wir einander
nicht mehr werden. ... Ich habe das Gefühl, ich sei um eine Erfahrung ärmer. In
aller Gemütlichkeit, Horn. (vgl. S. 145f.) Der Roman endet schließlich
optimistisch und fröhlich. Horn ist von Liszt geheilt, er fühlt sich befreit,
obwohl er den Brief nicht abschicken wird.
Er hatte keine Probleme. Die Leere rauschte interessant. Und drüben das Allgäu
trug die Sonne wie einen Kopfschmuck.(vgl. Schluss des Romans)
Franz
Horn ähnelt klassischen Helden insofern, als dass er um seine Ehre kämpft. Er
wurde vielfach gedemütigt und muss sich nun wehren, um wieder vor sich selbst
bestehen zu können. Dazu zieht er jedoch nicht in die Welt, um mit den
Ungeheuern „vor Ort“ zu kämpfen, sondern er vollzieht die Abrechnung allein für
sich in seinem stillen Kämmerchen. Seine Waffe ist sein Stift, mit dem er
seinen Brief schreibt. Er erleidet
Anfechtungen, die jedoch im Augenblick des Kampfes nicht mehr von außen auf ihn
eindringen, sondern schon in ihm vorhanden sind und nach und nach nur noch in
ihm aktiviert werden müssen. Horn erleidet (abgesehen vom Schreibkrampf in
seiner Hand) keine körperlichen Schmerzen, muss aber durch seelische Schmerzen
hindurch, bis er endlich „gesiegt“ hat.