Ruhr-Universität
Bochum Bochum,
8.12.03
Seminar
für Komparatistik
Seminar:
Person und Figur: Helden
Dozentin:
Prof. Dr. Schmitz-Emans
Referentin:
Karin Bellmann
Theodor W. Adorno/Max Horkheimer und
ihre Deutung der homerischen Odyssee
1.Allgemeine
Einordnung:
➢Gründer bzw. Mitglied der Frankfurter Schule; Kritischen Theorie und
des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, deren Anfänge in den Anfängen
des 20.Jh. liegen.
➢Andere bedeutende Vertreter: Georg Lukács, Karl Korsch, Ernst Bloch,
Walter Benjamin
➢ihr Versuch: eine Aktualisierung und Schärfung des ideologisch
gewordenen Marxismus, also eine aktualisierte Theorie der kapitalistischen
Klassengesellschaft (Horkheimer formuliert in seiner Antrittsrede am
Frankfurter Institut für Sozialforschung das Programm der kritischen Theorie
➢Adorno (*1903 -
1969)
✗ihm wird der Odysseus-Exkurs in der Dialektik der Aufklärung
zugeschrieben
✗besonderer Einfluss aus dem deutschen Idealismus und von Freud
✗Mit der Machtübernahme des Hitlerregimes wird ihm 1933 die venia
legendi entzogen; er bleibt noch, versucht seine Karriere dann in Oxford
fortzusetzen und folgt schließlich 1938 Horkheimer in die USA, wo die Dialektik
der Aufklärung entsteht, die auch das berühmte Kapitel zur
„Kulturindustrie“ enthält; Das Buch entsteht also auf den Trümmern des
Holocaust
➢Dialektik der Aufklärung: ist der Versuch, die Entwicklungsmechanismen der
Zivilisation hin zu einem kritischen Zustand zu erklären. Adorno/Horkheimer
suchen nach einer Erklärung von Prinzipien der Herrschaft und der Kulmination
einer - als Fehlentwicklung begriffenen
- Zivilisationsgeschichte im Faschismus. Sie streben mit der Dialektik der
Aufklärung eine Erneuerung von Gesellschaftstheorie an Die Zelle der
Selbstzerstörung sehen sie in der Aufklärung, woraus auch der Faschismus als
logische Fortsetzung entstand. Technischer Fortschritt wird als Machtinstrument
gegenüber den Individuen verstanden.
2.Ihre Lesart des
homerischen Epos
➢Odysseus als Inbild des bürgerlichen Individuums
➢ihre Lektüre ist in hohem Maße allegorisch, in der sie herausstreichen,
dass Odysseus zu einem Individuum stilisiert wird, das erst durch seine
Listigkeit (Rationalität = Aufklärung) zum Helden werden kann (siehe auch
Attributierung in der Odyssee)
3.List
➢Sie bildet den Kern des modernen Tauschprinzips, deren Äquivalent in
der mythischen Zeit im Opfer bereits angelegt ist.
➢Das Moment des Betruges im Opfer wird verlängert in die Listigkeit des
Odysseus, die Denkarbeit und somit Rationalisierung des Weltverständnisses
➢Erst durch die List kann sich das Subjekt (=Odysseus) von den
undurchschaubaren Naturzusammenhängen emanzipieren. Er setzt der Natur sein
Bewusstsein entgegen.
➢Diese Leugnung der Natur wird zu einer Leugnung eines Teiles seiner
selbst, der Triebgesteuertheit (siehe Freud: Bewusstsein -Triebe –
Unterbewusstsein) = Entfremdung
➢Die Odyssee wird also als Zustand der Entfremdung gedeutet. Nach
Adorno/Horkheimer enthält sie bereits die Grundprinzipien einer aufgeklärten
bürgerlichen Gesellschaft
4.Die verschiedenen
Stationen
4.1.Bei den Lotophagen
➢Repräsentanten eines vormythischen Zustands (=Zeitlosigkeit;
scheinbares Glück durch Vergessen)
➢da sich aber das Subjekt in der Zeit durch Vernunft und Fortschritt
konstituiert, kann ein Bleiben nicht geduldet werden, um einen Rückfall in die
vormythische Zeit und damit den Zustand der Bewusstlosigkeit zu vermeiden
4.2.Polyphem
➢historisch nach den Lotophagen; Repräsentant eines Zustands der
Barbarei/Anarchie/Mythos
➢Zustand der Gesetzlosigkeit, Unordnung im Denken und Handeln =Zustand,
der von Odysseus überwunden wurde
➢Um sich aus der Höhle des Polyphems retten zu können, muss Odysseus
sich selbst verleugnen (er verleugnet seinen Namen), also einen Tausch
eingehen. Indem er sich so verleugnet, entsagt er seinem Status als Subjekt,
den er wiederzuerlangen sucht, indem er trotz aller Warnungen während der
Flucht seinen Namen preisgibt.
4.3.Kirke
➢Repräsentantin der magischen Stufe; auch sie führt ihre Opfer in einen
Zustand des Vergessens
➢Prototyp der Hetäre
➢Auch hier wieder die Gefahr des Rückfalls in die vormythische Zeit,
eines Verlusts von Selbstbewusstsein, Freisetzung der Triebe zur Gefahr
➢Urbild der Frau als Naturwesen, die in der patriarchalen Gesellschaft
in der Ehe nur bestehen kann, als Machtempfangende
4.4.Penelope/Heimkehr
➢Zustand der Ratio; setzt die von Kirke inaugierten Prinzipien fort
(=Selbstentfremdung der Frau in der patriarchalen Gesellschaft)
➢hat die Werte der Gesellschaft so verinnerlicht, dass sie Odysseus
einem Test unterzieht,
4.5.Hades
➢Reich der Mythen/ Bilder
➢Odysseus erkennt ihre Unwahrheit, erhebt sich als Subjekt über sie
➢Erst wenn er ihre
Irrationalität erkannt hat, kann er wirklich heimkehren
➢hierin liegt das bürgerliche Prinzip der Heimat begründet, dem alle
Sehnsucht des Subjekts gilt, das aber zugleich die Entfremdung in sich trägt
5.Resümee:
Odysseus,
der Prototyp des aufgeklärten Bürgers, kann nur Subjekt sein, indem er immer
wieder Triebverzicht übt, mit ordnender Vernunft innere und äußere Natur
beherrschbar macht. Als Subjekt sichert er sich ab in den bürgerlichen Werten
von Heimat und Eigentum. Das
Tauschprinzip ist es, welches all sein Handeln stets beherrscht. Um Macht über
die Natur auszuüben, muss er ständig Verzicht üben, einen Preis zahlen
(Entfremdung). Die verschiedenen Stationen, die Adorno und Horkheimer zur
Stützung ihrer These anführen, sind zugleich repräsentativ für die
verschiedenen Stufen von Zivilisation (Vorgeschichte - Mythos – Epos – Ratio)
Literaturnachweis
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Horkheimer,
Max; Adorno W., Theodor: Dialektik der Aufklärung. 13.Auflage. Fischer
Taschenbuch Verlag GmbH: Frankfurt a.M., 2001 (1988).
Homer: Odyssee. Reclam: Stuttgart, 1979
(= Universal-Bibliothek, Nr. 280).
Wiggershausen,
Rolf: Theodor W. Adorno. 2. überarbeitete und um ein Nachwort erweiterte
Auflage. München: Beck, 1998 ( = Beck´sche Reihe; Denker: 510).