Zitate aus:

 

Horkheimer, Max; Adorno W., Theodor: Dialektik der Aufklärung. 13.Auflage. Fischer Taschenbuch Verlag GmbH: Frankfurt a.M., 2001 (1988).

 

Vorrede zur Dialektik der Aufklärung:

„Wenn die Öffentlichkeit einen Zustand erreicht hat, in dem unentrinnbar der Gedanke zur Ware und die Sprache zu deren Anpreisung wird, so muß der Versuch, solcher Depravation auf die Spur zu kommen, den geltenden sprachlichen und gedanklichen Anforderungen Gefolgschaft versagen, ehe deren welthistorische Konsequenzen ihn vollends vereiteln“ (S. 1f.)

„Nimmt die Aufklärung die Reflexion auf dieses rückläufige Moment nicht in sich auf, so besiegelt sie ihr eigenes Schicksal. Indem die Besinnung auf das Destruktive des Fortschritts seinen Feinden überlassen bleibt, verliert das blindlings pragmatisierte Denken seinen aufhebenden Charakter, und darum auch die Beziehung auf Wahrheit. An der rätselhaften Bereitschaft der technologisch erzogenen Massen, in den Bann eines jeglichen Despotismus zu geraten, an ihrer selbstzerstörerischen Affinität zur völkischen Paranoia, an all dem unbegriffenen Widersinn wird die Schwäche des gegenwärtigen theoretischen Verständnisses offenbar“ (S. 3)

„Die Naturverfallenheit der Menschen heute ist vom gesellschaftlichen Fortschritt nicht abzulösen. Die Steigerung der wirtschaftlichen Produktivität, die einerseits die Bedingungen für eine gerechtere Welt herstellt, verleiht andererseits dem technischen Apparat und den sozialen Gruppen, die über ihn verfügen, eine unmäßige Überlegenheit über den Rest der Bevölkerung. Der Einzelne wird gegenüber den ökonomischen Mächten vollends annulliert. Dabei treiben diese die Gewalt der Gesellschaft über die Natur auf nie geahnte Höhe. Während der Einzelne vor dem Apparat verschwindet, den er bedient, wird er von diesem besser als je versorgt. Im ungerechten Zustand steigt die Ohnmacht und Lenkbarkeit der Masse mit der ihr zugeteilten Gütermenge. Die materiell ansehnliche und sozial klägliche Hebung des Lebensstandards der Unteren spiegelt sich in der geißnerischen Verbreitung des Geistes. Sein wahres Anliegen ist die Negation der Verdinglichung. Er muss zergehen, wo er zum Kulturgut verfestigt und für Konsumzwecke ausgehändigt wird. Die Flut präziser Informationen und gestriegelten Amüsements witzigt und verdummt die Menschen zugleich“ (S. 5)

 

Odysseus – Prototyp des modernen bürgerlichen Individuums:

„Der listige Einzelgänger ist schon der homoe oeconomicus, dem einmal alle Vernünftigen gleichen: daher ist die Odyssee schon eine Robinsonade. Die beiden prototypischen Schiffbrüchigen machen aus ihrer Schwäche – der des Individuums selber, das von der Kollektivität sich scheidet – ihre Gesellschaftliche Stärke. [...] Sie verkörpern das Prinzip der kapitalistischen Wirtschaft, schon ehe sie sich eines Arbeiters bedienen“ (S. 69).

„Odysseus lebt nach dem Urprinzip, das einmal die bürgerliche Gesellschaft konstituierte. Man hatte die Wahl, zu betrügen oder unterzugehen. Betrug war das Mal der Ration, an dem ihre Partikularität sich verriet. Daher gehört zur universalen Vergesellschaftung, wie sie der Weltreisende Odysseus und der Solofabrikant Robinson entwerfen, ursprünglich schon die absolute Einsamkeit, die am Ende der bürgerlichen Ära offenbar wird. Radikale Vergesellschaftung heißt radikale Entfremdung“ (S.69).

 

 

Der listenreiche Odysseus:

1.Held durch List statt durch Körperstärke:

 

„Die Transformation des Opfers in Subjektivität findet im Zeichen jener List statt, die am Opfer stets schon Anteil hatte. In der Unwahrheit der List wird der im Opfer gesetzte Betrug zum Element des Charakters, zur Verstümmelung des »Verschlagenen« selber, dessen Physiognomie von den Schlägen geprägt ward, die er zur Selbsterhaltung gegen sich führte. Es drückt darin das Verhältnis von Geist und physischer Kraft sich aus. Der Träger des Geistes, der Befehlende, als welcher der listige Odysseus fast stets vorgestellt wird, ist trotz aller Berichte über seine Heldentaten jedenfalls physisch schwächer als die Gewalten der Vorzeit, mit denen er ums Leben zu ringen hat. Die Gelegenheiten, bei denen die nackte Körperstärke des Abenteurers gefiert wird, der von den Freiern protegierte Faustkampf mit dem Bettler Iros und das Spannen des Bogens, sind sportlicher Art. Selbsterhaltung und Körperstärke sind auseinander getreten: die athletischen Fähigkeiten des Odysseus sind die des Gentleman, der, praktischer Sorgen bar, herrschaftlich-beherrscht trainieren kann. Die von der Selbsterhaltung distanzierte Kraft gerade kommt der Selbsterhaltung zugute“ (S.63f).

 

„Da das alte Opfer selbst mittlerweile irrational ward, präsentiert sich der Klugheit des Schwächeren als Dummheit des Ritals. Es bleibt akzeptiert, sein Buchstabe wird strikt innegehalten. Aber der sinnlos gewordene Spruch widerlegt sich daran, dass seine eigene Satzung je und je Raum gewährt, ihm auszuweichen. Gerade vom naturbeherrschenden Geiste wird die Superiorität der Natur im Wettbewerb stets vindiziert“ (S.64)

 

„Denn das Recht der mythischen Figuren, als das des Stärkeren, lebt bloß von der Unerfüllbarkeit ihrer Satzung. Geschieht dieser Genüge, so ist es um die Mythen bis zur fernsten Nachfolge geschehen. Seit der glücklich-mißglückten Begegnung des Odysseus mit den Sirenen sind alle Lieder erkrankt, und die gesamte abendländische Musik laboriert an dem Widersinn von Gesang in der Zivilisation, der doch zugleich wieder die bewegende Kraft aller Kunstmusik abgibt“ (S.67)

Opfer:

1.Betrug im Opfer

 

 

„Betrug ist schon im Opfer selber involviert, das Poseidon mit Behagen annimmt: die Einschränkung des amorphen Meeresgottes auf eine bestimmte Lokalität, den heiligen Bezirk, schränkt zugleich seine Macht ein, und für die Sättigung an den äthiopischen Ochsen muss er darauf verzichten, an Odysseeus seinen Mut zu kühlen. Alle menschlichen Opferhandlungen, planmäßig betrieben, betrügen den Gott, dem sie gelten: sie unterstellen ihn dem Primat der menschlichen Zwecke, lösen seine Macht auf, und er Betrug an ihm geht bruchlos über in den, welchen die ungläubigen Priester an der gläubigen Gemeinde vollführen“(S.57).

 

2. Das Opfer als Tauschprinzip

 

Das Opfer ist die Vorwegnahme „rationalen Tausches, eine Veranstaltung der Menschen, die Götter zu beherrschen, die gestürzt werden gerade durch das System der ihnen widerfahrenden Ehrung“ (S.56)

 

List:

1.ist die Verlängerung des Moments des Betrugs in die List

„Das Moment des Betrugs im Opfer ist das Urbild der odysseyschen List, wie denn viele Listen des Odysseus gleichsam einem Opfer an Naturgottheiten eingelegt sind“ (S.57)

 

„Der ehrwürdige Glaube ans Opfer ist wahrscheinlich bereits eineingedrilltes Schema, nach welchem die Unterworfenen das ihnen angetane Unrecht sich selber nochmals antun, um es ertragen zu können. Es rettet nicht durch stellvertretende Rückgabe die unmittelbare, nur eben unterbrochene Kommunikation [...], sondern die Institution des Opfers selber ist das Mal einer historischen Katastrophe, ei Akt von Gewalt, der Menschen und Natur gleichermaßen widerfährt. Die List ist nichts anderes als die subjektive Entfaltung solcher objektiven Unwahrheit des Opfers, das sie ablöst“ (S. 58).

 

„Die Abdingung des Opfers durch selbsterhaltende Rationalität ist Tausch nicht weniger, als das Opfer es war. Das identisch beharrende Selbst, das in der Überwindung des Opfers entspringt, ist unmittelbar doch wieder ein hartes, steinern festgehaltenes Opferritual, das der Mensch, indem er dem Naturzusammenhang sein Bewusstsein entgegensetzt, sich selber zelebriert“ (S. 61).

 

Eben diese Verleugnung, der Kern aller zivilisatorischen Rationalität, ist die Zelle der fortwuchernden mythischen Irrationalität: mit der Verleugnung der Natur im Menschen wird nicht bloß das Telos der auswendigen Naturbeherrschung sondern das Telos des eigenen Lebens verwirrt und undurchsichtig. In dem Augenblick, in dem der Mensch das Bewusstsein seiner selbst als Natur sich abschneidet, werden alle die Zwecke, für die er sich am Leben erhält, der gesellschaftliche Fortschritt, die Steigerung aller materiellen und geistigen Kräfte, ja Bewusstsein selber, nichtig, und die Inthronisierung des Mittels als Zweck, die im späten Kapitalismus den Charakter des offenen Wahnsinns annimmt, ist schon in der Urgeschichte der Subjektivität wahrnehmbar. „ (S. 61f.)

 

2.List/Konstitution des Selbst

 

„Durch Odysseus wird einzig das Moment des Betrugs am Opfer, der innerste Grund vielleicht für den Scheincharakter des Mythos, zum Selbstbewusstsein erhoben“ (S.57f.)

3.Subjektwerdung bedeutet Entfremdung von der äußeren und inneren Natur:

„In der Klassengeschichte schloss die Feindschaft des Selbst genens Opfer ein Opfer des Selbst ein, weil sie mit der Verleugnung der Natur im Menschen bezahlt ward um der Herrschaft über die außermenschliche Natur und über andere Menschen willen. Eben diese Verleugnung, der Kern aller zivilisatorischen Rationalität, ist die Zelle der fortwuchernden mythischen Irrationalität: mit der Verleugnung der Natur im Menschen wird nicht bloß das Telos der aufwendigen Naturbeherrschung sondern das Telos des eigenen Lebens verwirrt und undurchsichtig. In dem Augenblick, in dem der Mensch das Bewusstsein seiner selbst als Natur sich abschneidet, werden alle die Zwecke, für die er sich am Leben erhält, der gesellschaftliche Fortschritt, die Steigerung aller materiellen und geistigen Kräfte, ja Bewusstsein selber, nichtig, und die Inthronisierung des Mittels als Zweck, die im späten Kapitalismus den Charakter des offenen Wahnsinns annimmt, ist schon in der Urgeschichte der Subjektivität wahrnehmbar“ (S.61f).

„In der Einschätzung der Kräfteverhältnisse, welche das Überleben vorweg gleichsam vom Zugeständnis der eigenen Niederlage, virtuell vom Tode abhängig macht, ist in nuce bereits das Prinzip der bürgerlichen Desillusion gelegen, das auswendige Schema für die Verinnerlichung des Opfers, die Entsagung. Der Listige überlebt nur um den Preis seines eigenen Traums, den er abdingt, indem er wie die Gewalten draußen sich selbst entzaubert. Er eben kann nie das Ganze haben, er muss immer warten können, Geduld haben, verzichten [...]. Er windet sich durch, das ist sein Überleben, und aller Ruhm, den er selbst und die andern ihm dabei gewähren, bestätigt bloß, dass die Heroenwürde nur gewonnen wird, indem der Drang um ganzen, allgemeinen ungeteilten Glück sich demütigt“ (S.65).

 

Die allegorische Ausdeutung verschiedener Stationen der Odyssee

1.Die Lotophagen (vormythische Zeitlosigkeit vs. historische Arbeit/selbsterhaltende Vernunft)

Solche Idylle, die doch ans Glück der Rauschgifte mahnt [...], kann die selbsterhaltende Vernunft bei den Ihren nicht zugeben. Jene ist in der Tat der bloße Schein von Glück, dumpfes Hinvegetieren, dürftig wie das Dasein der Tiere. Im besten Falle wäre es die Absenz des Bewusstseins von Unglück. Glück aber enthält Wahrheit in sich. Es ist wesentlich ein Resultat. Es entfaltet sich am aufgehobenen Leid. So ist der Dulder im Recht, den es bei den Lotophagen nicht duldet. Gegen diese vertritt er ihre eigene Sache, die Verwirklichung der Utopie, durch geschichtliche Arbeit, während das einfache Verweilen im Bild der Seligkeit ihr die Kraft entzieht“ (S. 70).

 

„Vielleicht ist die Versuchung, die ihr zugeschrieben wird, keine andere als die der Regression auf die Phase des Sammelns von Früchten der Erde wie des Meeres, älter als Ackerbau, Viehzucht und selbst Jagd, kurz als jede Produktion“ (S. 71)

 

[Eilend gingen sie fort zu den Lotos essenden Männern

Und gesellten sich ihnen; die sannen nicht auf Verderben

Unsern Gefährten; doch gaben sie ihnen vom Lotos zu kosten.

Wer von der honigsüßen Frucht des Lotos gegessen,

Der bringt keine Kund zurück und denkt nicht an

                                                           Rückkehr,

Sondern er möcht dort bei den Lotos essenden Männern

Bleiben und Lotos pflücken und ganz vergessen die Heimkehr.

Doch die Weinenden bracht ich zurück mit Gewalt zu den

                                                                       Schiffen,

Zog sie ins bauchige Schiff und band sie fest unterm Querholz.

Aber den anderen werten Gefährten gab ich die Weisung,

Dass sie in Eile die schnellen Schiffe bestiegen, damit nicht

Einer vom Lotos esse und dann vergesse die Heimkehr

(Homer: Odyssee. Reclam: Stuttgart, 1979 9. Gesang, S. 137 (= Universal-Bibliothek, Nr. 280))]

 

 

2.Polyphem: Zustand der Barbarei, ungeordneten Denkens

 

„Aber er repräsentiert dennoch den Lotophagen gegenüber ein späteres, das eigentlich barbarische Weltalter als eines von Jägern und Hirten“ (S. 71f.)

„Es ist eine bereits patriarchale Sippengesellschaft, basierend auf der Unterdrückung der physisch Schwächeren, aber noch nicht organisiert nach dem Maße des festen Eigentums und seiner Hierarchie, und es ist die Unverbundenheit der in der Höhle Hausenden, die den Mangel an objektivem Gesetz und damit den homerischen Vorwurf der wechselseitigen Nichtachtung, des wilden Zustands, eigentlich begründet“ (S. 72)

„so heißt das nicht bloß, daß er in seinem Denken die Gesetze der Gesittung nicht respektiert, sondern auch dass sein Denken selber gesetzlos, unsystematisch, rhapsodisch sei, wie er denn die bürgerliche Denkaufgabe, auf welche Weise seine ungebetenen Gäste aus der Höhle entkommen vermögen, indem sie sich nämlich am Bauch der Schafte festhalten, anstatt auf ihnen zu reiten, nicht  zu lösen vermag, auch des sophistischen Doppelsinns im falschen Namen des Odysseus nicht innewird“ (S. 72f.)

 

„Auf die Ansprache des flehenden Odysseus antwortet er nicht einfach mit dem Ausdruck des wilden Hasses, sondern nur mit der Weigerung des Gesetzes, das ihn noch nicht recht erfasst hat“ (S. 74)

2.1Begegung Mythos/Ratio:

„Der nahe Meergott Poseidon, der Vater des Polyphem und der Feind des Odysseus, ist älter als der universale, distanzierte Himmelsgott Zeus, und es wird gleichsam auf dem Rücken des Subjekts die Fehde zwischen der elementarischen Volksreligion und der logozentrischen Gesetzesreligion ausgetragen“ (S. 73)

2.2.Selbstverleugnung des Subjekts

 

„In Wahrheit verleugnet das Subjekt Odysseus die eigene Identität, die es zum Subjekt macht und erhält sich am Leben durch die Mimikry ans Amorphe“[...].Seine Selbstbehauptung aber ist wie in der ganzen Epopöe, wie in aller Zivilisation, Selbstverleugnung. Damit gerät das Selbst in eben den zwanghaften Zirkel des Naturzusammenhanges, dem es durch Angleichung zu entrinnen trachtet“ (S. 75)

[Sprach ich ihn wiederum an und sagte mit schmeichelnden

                                                                                  Worten:

Meinen berühmten Namen, Kyklop, nach dem du mich

                                                                       fragtest,

Will ich dir sagen; gib du mir das Gastgeschenk, wie du

                                                                       versprochen.

Niemand ist mein Name, und Niemand nennen mich immer

Mutter und Vater und sonst auch alle meine Gefährten.

So sprach ich; er erwiderte gleich mit hartem Gemüte:

All die andern zuvor; das sei mein Gastgeschenk für dich.

Sprachs und lehnte sich rückwärts und fiel hinüber; da lag

                                                           er,

[...]

Was hat dich, Polyphem, so sehr betroffen, daß rufend

Durch die ambrosische Nacht du uns des Schlafes beraubtest?

Treibt etwa einer der Sterblichen dir wider Willen die Schafe

Fort oder sucht dich selber mit List und Gewalt zu

                                                                       ermorden?

Und aus der Höhle erwiderte da Polyphemus, der starke:

Freunde, Niemand sucht mich mit List und Gewalt zu

                                                                       ermorden.

Ihm antwortend sprachen sie da die gefiederten Worte:

Wenn niemand dir Gewalt antut, du also allein bist,

Nicht zu entrinnen ist einer von Zeus gesendeten

                                                                       Krankheit,

Du aber bete zu deinem Vater, dem Herrscher Poseidon.

Also sprechend gingen sie fort, und es lachte das Herz mir.

Dass mein Name so gut getäuscht und der treffliche Einfall.

[...]

Nach rückwärts rief ich ihm zu mit grimmigem

                                                           Mute:

 

Sollte dich irgendwer, Kyklop, von den sterblichen Menschen

Einmal fragen nach deines Augen schmählicher Blendung,

Sag ihm, dass es Odysseus, der Städtezerstörer, geblendet, Sohn des Laertes, welcher in Ithaka hat seine Häuser

(Homer: Odyssee. Reclam: Stuttgart, 1979 9. Gesang, S. 146-151(= Universal-Bibliothek, Nr. 280))]]

 

3.1.Kirke/magische Stufe des Vergessens/Verlust von zeitl. Bewußtsein

„Die Hetäre gewährt Glück und zerstört die Autonomie Beglückten, das ist ihre Zweideutigkeit. Aber sie vernichtet ihn nicht notwendig: sie hält eine ältere Form von Leben fest. Gleich den Lotophagen tut Kirke ihren Grössten nichts Tödliches an, und noch jene, die ihr zu wilden Tieren wurden, sind friedlich“ (S. 77)

„Das mythische Gebot, dem sie verfallen, entbindet zugleich die Freiheit eben der unterdrückten Natur in ihnen“ (S. 78)

 

„Weil jedoch sie einmal schon Menschen gewesen sind, weiß die zivilisatorische Epopöe was ihnen widerfuhr nicht anders denn als unheilvollen Sturz darzustellen, und kaum ist an der homerischen Darstellung die Spur der Lust selber noch zu gewahren. Sie wird umso nachdrücklicher getilgt, je zivilisierter die Opfer selber sind“ (S. 78)

 

3.2.Odysseus widersteht durch Entsagung

„Odysseus widersteht dem Zauber der Kirke. Darum wird ihm gerade zuteil, was ihr Zauber nur trugvoll denen verheißt, die ihr nicht widerstehen. Odysseus schläft mit ihr.

3.3.Liebe als Tauschprinzip

„In der Welt des Tausches hat der Unrecht, der mehr gibt; der Liebende ist aber allemal der mehr Liebende. Während das Opfer, das er bringt, glorifiziert wird, wacht man eiersüchtig darüber, dass dem Liebenden das Opfer nicht erspart bleibe. Gerade in der Liebe selber wird der Liebende ins Unrecht gesetzt und bestraft“ (S. 80)

[Du bist Odysseus, der vielgewandte, von welchem mir

                                                                       immer

Sagte der Argostter mit goldenem Stab, dass er komme,

Wenn er von Troja kehre im schnellen Schiffe, dem schwarzen.

Auf denn! Strecke das Schwert in die Scheide, und lasse uns

                                                           beide

Dann unser Lager besteigen, auf das wir, in Lager und Liebe

Miteinander vereint, uns gegenseitig vertrauen.

So sprach sie, aber ich erwiderte ihr und ich sagte:

Kirke, wie kannst du verlangen, dass ich freundlich

                                               gesinnt sei,

Die du mir die Gefährten zu Schweinen gemacht in den

                                                           Hallen

Die du mich selbst hier hältst und, Listiges planend, mich

                                                           heißest,

Dass ich ins Schlafgemach gehe und dort dein Lager

                                                           besteige,

Dass du mir, bin ich entblößt, die Manneskraft nimmst und

                                                           mich schwach machst.

Aber nicht bin ich gewillt, dein Lager mit dir zu besteigen,

Wenn du nicht auf dich nimmst, einen großen Eid mir zu schwören,

Göttin, dass du für mich kein anderes Übel dir ausdenkst.

So sprach ich; sie schwur sogleich, wie ich es verlange.

Aber nach dem sie den Schwur getan und zu Ende geleistet,

Da bestieg ich das überaus schöne Lager der Kirke

(Homer: Odyssee. Reclam: Stuttgart, 1979 10. Gesang, S. 164(= Universal-Bibliothek, Nr. 280))]

 

4.Die Heimkehr; Selbstentfremdung der Frau (Penelope, die in der rationalen Ordnung gefangen ist)

„Die Ehefrau verrät Lust an die feste Ordnung von Leben und Besitz, während die Dirne, was die Besitzrechte der Gattin unbesetzt lassen, als deren geheime Bundesgenossin nochmals dem Besitzverhältnis unterstellt und Lust verkauft“ (S.81)

 

„Keine spontane Regung kommt auf, sie will nur keinen Fehler begehen, kann es sich auch unterm Druck der auf ihr lastenden Ordnung kaum gestatten“ (S.82)

[Penelope: Seltsamer, nein, ich bin durchaus nicht stolz und verachtend

Oder zu sehr befremdet; ich weiß sehr gut, wie du aussahst,

Als du im langberuderten Schiff aus Ithaka fortgingst.

Auf denn, Eurykleia, richte das stattliche Bett her

Vor der festgegründeten Kammer, die selbst er gebaut hat;

Habt ihr heraus es gestellt, das Lager, das feste, dann legt auch

Bettzeug auf, wie Felle und Decken und schimmernde Laken.

So sprach sie, den Gemahl erprobend; aber Odysseus

Fuhr da auf und sagte zur treugesonnenen Gattin:

Frau, da hast du wahrhaftig kränkende Worte gesprochen.

Wer denn stellte das Bett mir anders? Es wäre ja schwierig

Auch für einen, der es versteht, es sei denn, ein Gott selbst

Käme und setzte es leicht, wie er wollte, an andere Stell.

Von den Männern könnte kein Sterblicher auch mit der Jugend

Kräften hinweg es wuchten; es ist ein besonderes Zeichen

In dem kunstvollen Bett; ich hab es gemacht und kein andrer.

[...]

So begann es, so schuf ich das Bett, bis ich es vollendet,

Zierte es noch mit Gold, mit Elfenbein und mit Silber

Und zog ein einen Gurt aus purpurnem Leder vom Rinde.

So, dies geb ich dir kund als Zeichen, aber ich weiß nicht,

Steht mir das Bett noch am alten Platz, Frau, oder hat einer +

Anderswohin es gestellt, der von unten her durchschnitt den

                                                                       Ölbaum?

Als sie die Zeichen erkannte, die sicher ihr nannte Odysseus.

Weinend eilte sie hin zu ihm und schlang ihre Hände

Um seinen Hals und küßte sein Haupt und sagte die Worte:

Zürne mir nicht, Odysseus, da du auch sonst von den

                                                                                  Menschen

Der verständigste bist; die Götter bescherten uns Jammer,

Die uns beiden missgönnt, dass beieinander wir bleibend,

Wir der Jugend uns freuten und kamen zur Schwelle des Alters.

Du aber zürne nun nicht darüber und nimm es nicht übel,

Daß ich dich nicht beim ersten Anblick liebend begrüßte.

Denn mir schauderte immer das Herz im Busen, es könne

Irgendein Sterblicher kommen und mich mit Worten betrügen;

Denn so viele gibt`s, die sich üble Gewinne ersinnen.

(Homer: Odyssee. Reclam: Stuttgart, 1979 23. Gesang, S. 383f. (= Universal-Bibliothek, Nr. 280))]

 

5.Hades/Freimachung des Odysseus von der Vorwelt/Umschlag des Mythos in ordnende Rationalität

5.1. Erkennen des Scheins von Mythen

„Das gelobte Land des Odysseus ist nicht das archaische Bilderreich. Alle die Bilder geben ihm endlich als Schatten in der Totenwelt ihr wahres Wesen frei, den Schein. Er wird ihrer ledig, nachdem er einmal als Tote sie erkannt und mit der herrischen Geste der Selbsterhaltung vom Opfer fortgewiesen hat, das er nur denen zukommen lässt, die ihm Wissen gewähren, dienstbar seinem Leben, darin die Gewalt des Mythos nur noch als Imagination, in Geist versetzt, sich behauptet. Das Totenreich, wo die depotenzierten Mythen sich versammeln, ist der Heimat am fernsten. Nur in der äußersten Ferne kommuniziert es mit ihr“ (S. 83f.)

 

[Und es erschien die Seele von meiner verstorbenen Muter,

Antikleia, des hehren Autolykos Tochter; ich ließ sie

Leben zurück, als ich zum heiligen Ilion fortging.

Und mir kamen, als ich sie sah, die Tränen vor Mitleid.

Aber ich ließ auch so, wie heftig die Schmerzen mich

                                                                       drängten,

Sie dem Blute nicht nahm, bevor ich Teresias fragte.

Und nun kam heran des Thebaners Teresias Seele,

Haltend ein goldenes Zepter; er kannte mich gleich

[...]

 

Aber ich wartete dort beharrlich, bis meine Mutter

Kam und trank von dem dunklen Blut; sie erkannte sofort

                                                                                  mich,

Und mit Jammern sprach sie zu mir die gefiederten Worte:

 

[...]

Dreimal stürmte ich vor – es trieb mich der Mut, sie zu fassen-,

Dreimal entflog sie jedoch meinen Händen, als sei sie ein

                                                                                  Schatten

Oder ein Traum, und es war mir der Schmerz im Herzen noch#

                                                                                  schärfer;

Und ich rief sie an und sprach die gefiederten Worte:

Liebe Mutter, was weichst du mir aus, wenn ich dich

                                                           umarme

Das doch auch im Hades, uns mit den Händen umschlingend,

Wir uns beide ersättigen könnten an schauriger Klage?

Oder sandte mir gar die erlauchte Persephoneia

Nur ein Schattenbild zu, auf dass ich noch heftiger seufze?

So sprach ich; mir erwiderte gleich die Mutter, die hehre:

Weh mir, o mein Kind, unseligster unter den Menschen!

Nein, es täuscht dich nicht Zeus`Tochter Persephoneia,

Sondern dasselbe Los trifft alle, welche da sterben.

Nicht mehr halten die Sehnen das Fleisch und die Knochen

                                                                       zusammen,

Sondern des lodernden Feuers mächtige Stärke vernichtet

Alles, sobald das Leben verlässt die weißen Gebeine,

Und die Seele entschwebt und fliegt umher wie ein Traumbild.

Du aber strebe nun schnell zum Licht, und merke dir alles,

Dass du es späterhin dann auch deinem Weibe berichtest.

Also tauschten wir beide die Worte; aber da kamen

Frauen heran

(Homer: Odyssee. Reclam: Stuttgart, 1979 11. Gesang, S. 174- 177 (= Universal-Bibliothek, Nr. 280).]

5.2.Prinzip der Heimat als widersprüchliches Phänomen

 

„Heimweh ist es, das die Abenteuer entbindet, durch welche Subjektivität, deren Urgeschichte die Odyssee gibt, der Vorwelt entrinnt.“ (S. 85)

„Wenn die feste Ordnung des Eigentums, die mit der Sesshaftigkeit gegeben ist, die Entfremdung der Menschen begründet, in der alles Heimweh und alle Sehnsucht nach dem verlorenen Urzustand entspringt, dann ist es doch zugleich Sesshaftigkeit und festes Eigentum, an dem allein der Begriff der Heimat sich bildet, auf den alle Sehnsucht und alles Heimweh sich richtet“ (S. 85f.)

„Heimat ist das Entronnensein“ (S.86)