Helden - Modell - Hemingway (M. Schmitz-Emans)

 

I. Fragwürdiges Heldentum: eine Zwischenbilanz nach dem Eingang der Themenvorschläge zum Seminar

Dass es gar keine leichte Aufgabe ist, einen zeitgenössischen „Helden“ in literarischen oder anderen ästhetischen Kontexten aufzuspüren, der sich als (auf eine wie auch immer genauer zu spezifizierende Weise) als typisch ‘heldenhaft’ porträtieren ließe, dürfte gute Gründe haben. Man könnte die These aufstellen, das Zeitalter der Helden sei vorüber, weil die Moderne allen möglichen Leitbildern skeptisch und kritisch begegne, vor allem die moderne Kunst und Literatur. In der Moderne, so könnte man weiterhin argumentieren, seien Leitbilder, Vorbilder, heldenhafte Idole deshalb obsolet geworden, weil die Idee einer verbindlichen kulturellen, moralischen und sozialen Ordnung obsolet geworden sei. Wahre Helden müssen für etwas kämpfen, dessen Wert höher anzusetzen ist als Machtgewinn oder materielle Bereicherung; ihrer traditionelle Profilierung setzt voraus, dass sich zwischen Gut und Böse, Recht und Unrecht, Ordnung und Unordnung, kulturellen Werten und deren Gefährdung, kulturtragenden und destabilisierenden Kräften unterscheiden lässt. Der Held ist auf der Seite des Rechts, sei es in der Rolle eines prometheischen Kulturstifters, eines Herakles, der Ungeheuer besiegt, eines heidnisch-germanischen oder eines christlichen Drachentäters. Die Moderne ist demgegenüber geprägt durch die Einsicht in die Kontingenz aller Ordnungen. Die Existenz überzeitlicher Wertsysteme wird zumindest in Frage gestellt, und gesellschaftlich-kulturelle Ordnungen werden als geschichtlich und wandelbar durchschaut. Wie - in wessen Diensten - sollen sich „Helden“ da noch profilieren?

In einem Zeitalter der pluralen Ordnungen und Wertesysteme erscheinen  gegenüber den traditionellen Heldentypen drei Figuren besonders zeit-typisch:

1. Der „Mann ohne Eigenschaften“, der (selbst-)kritische Beobachter von Identitätsentwürfen, der sich selbst der Identifikation als Repräsentant eines Typus und der damit verbundenen Ordnungsvorstellungen entzieht.

2. Der Anti-Held, der in seiner Opposition gegenüber tradierten Heldenkonzepten auf deren Fragwürdigkeit sowie auf die Instabilität der dem Heldentum zugrundeliegenden Werte verweist. Als ein Untertypus des Antihelden kann auch die Figur des Pikaro (des „Schelmen“) gelten, der wie ein Spiegel instabile und kritikwürdige zeitgeschichtliche Gegebenheiten und Verhältnisse reflektiert, sich selbst aber eher ‘durchschlägt’ als sich jemals positiv für etwas einzusetzen.

3. Der Held als Zitat - sei es in parodistischer Absicht, sei es zu politisch-ideologischen oder ökonomisch-marktstrategischen  Zwecken („Held der Arbeit“ und „Meister Proper“).

4. Diverse Heldentypen sind zudem in die Kinder- und Jugendbücher abgewandert. Diese suggerieren vielfach weiterhin die ansonsten fragwürdige Möglichkeit klarer Grenzziehungen zwischen dem Guten und dem Bösen oder doch wenigstens klarer Parteinahme für eine bestimmte Sorte von Werten.

5. Die modernespezifische Idee der Kontingenz aller Ordnungen bringt allerdings auch einen eigenen Figuren-Typus hervor, der vielleicht als Modifikation tradierter Helden-Konzepte gelten kann: den radikalen und kompromisslosen Zeitkritiker. Der Individualist in seiner Sperrigkeit gegenüber kulturellen und sozialen Funktionsmechanismen wäre hier vielleicht ebenso zu nennen.

 

II. Residuen des Heroismus

Während die Idee des Helden im Kampf um das Richtige und Gute unmodern erscheint, erhält sich auch aus moderner Sicht die ungebändigte Natur vielfach den Status einer Instanz, gegen die sich der Mensch kämpfend bewähren muss. Ein auch in der Moderne noch anzutreffender Figurentypus ist der des Heroisch-Einzelnen, der sich gegen die Übermacht der fremden, menschenfeindlichen Natur stellt, auch wenn er sich damit dem Scheitern aussetzt und fast unausweichlich scheitern muss.

Die Natur erscheint als Inbegriff einer Fremde, welche dem Menschen Widerstand entgegensetzt und an deren Widerstand er seine Kräfte bemisst. Der dabei geführte Kampf ist ein Gleichnis für die Auseinandersetzung mit dem Fremden schlechthin: mit dem Unbegreiflichen, dem Übermächtigen, dem Abgründigen, dem Zerstörerischen. Es erscheint zumindest indirekt als die Bestimmung des Menschen, sich diesem Fremden auszusetzen, ihm zumindest Widerstand zu leisten. Je weniger sich in diesem Kampf gewinnen lässt, je hoffnungsloser oder gar absurder er erscheint, desto ‘heroischer’ nehmen sich - im Zeichen dieses durchaus modernen Heldenkonzepts - diejenigen aus, die ihn aufnehmen.

Ein Repräsentant dieses Figurentypus ist Herman Melvilles Kapitän Ahab, der den Weißen Wal verfolgt und mit diesem zugleich die ungebändigten Gewalten der Natur zu bezwingen versucht („Moby Dick“/“The Whale“). (Melville hat mit „Bartleby the Scrivener“ zugleich den Prototypus des modernen Antihelden geschaffen.)

In den oft gleichnisartig erscheinenden Legenden über Forschungsreisende, über die gefahrvolle Wildnis erschließende Siedler, über Individuen, welche die Herausforderung durch eine scheinbar unbezwingbare Natur suchen (Polarreisende, Bergsteiger, Wüstenbezwinger) wird dieser Typus des gegen die „Fremde“ kämpfenden Helden variiert. In der Rolle des Bezwingers der Natur als einer latent todbringenden Fremde drückt sich zum einen das (wiederum modernespezifische) Streben nach einer immer neuen Überbietung des bisher Erreichten, einer Übertreffung des bisher Machbaren aus, sondern auch der Gedanke, dass allein die naturbezwingende Tat dem Menschen als Menschen zu einer Identität verhelfen könne.

 

III. Ein Beispiel für einen säkularen, modernen „Helden“

Ein Autor, der auch unter den nahezu helden-verhindernden Konditionen modernen Schreibens noch im Medium der Literatur über Formen des Heroischen reflektiert, ist Ernest Hemingway (1899-1961). Seine bekanntesten Bücher weisen durch ihre Titel bereits teilweise auf dieses thematische Interesse hin: „A Farewell to Arms“ (1929), „Death in the Afternoon“ (1932), „For Whom the Bell Tolls“ (1940), „The Old Man and the Sea“ (1952).

1. Santiago als heroische Gestalt

„The Old Man and the Sea“ (1952) erzählt die Geschichte des alten Fischers Santiago, der durch seine nachlassenden physischen Kräfte lange keinen Fang eingebracht hat, bei einer neuerlichen Ausfahrt dann aber einen riesenhaften Fisch an die Angel bekommt. In diesem Fisch, den er als gleichberechtigten Partner akzeptiert, verkörpert sich die Machte einer Natur, gegen die sich der Mensch zwar kämpfend behaupten muss, die aber kein lebloses und manipulierbares Objekt, sondern ein zu respektierendes Gegenüber darstellt. Unter Aufbietung aller Kräfte, unter physischen Leiden, die ihn als christusähnliche Figur erscheinen lassen, behält Santiago bis zur Rückkehr in den Hafen den Fisch an der Angel. Dennoch verliert er seinen Kampf um Beute, denn Haie fressen ihm den Fisch von der Angel weg, und er schleppt nur das gigantische Fischgerippe nach Hause. Als ein Held erscheint er nicht allein wegen der auf dem Meer bewiesenen Widerstandskraft, sondern auch, weil er die Niederlage gegen die Haie stoisch hinnimmt.

In ihm verkörpert sich eine innere Stabilität, welche an die antike Tugend der constantia (Beständigkeit, Standhaftigkeit) erinnert. Diese wiederum gehörte zu den Tugenden, welche auch die christliche Religion ohne Probleme aus dem antik-heidnischen in den christlichen Wertekosmos übertragen konnte, etwa um die Standhaftigkeit von Märtyrern angesichts ihrer Verfolger zu modellieren. Auch unter dem Vorzeichen einer säkularen modernen Welt, in der sich das menschliche Leben in erster Linie als permanenter Kampf ums Überleben darstellt, hat die Beständigkeit sich als ‘heroische’ Qualität behaupten können.

2. Literarische Darstellung

Die literarische Darstellung des Fischers Santiago und seiner Geschichte ist auf die Thematik des Romans abgestimmt. Hemingways Stil ist sehr lakonisch, sachlich, ganz enthaltsam gegenüber expliziten Kommentaren und Interpretationen. Er protokolliert nüchtern das äußere und das innere Geschehen. Die Verhaltensweisen und Gedanken des alten Mannes während seines Kampfes werden registriert, müssen aber für sich selbst sprechen. Nur auf indirekte Weise erfolgen Hinweise auf den Heroismus Santiagos. So ähnelt er in einer Position, in der er unter dem Mastbaum seines Schiffes zusammenbricht, dem Christus der Passionsgeschichte. Seine bei der extrem schwierigen Navigation des Schiffs erlittenen Verletzungen werden nüchtern protokolliert und in ihrer Schrecklichkeit nur durch das Weinen des Jungen bespiegelt, der Santiago zuhause erwartet und versorgt. Die stilistische Einfachheit des Textes sowie die (raffinierte) Einfachheit und Modellhaftigkeit des Szenarios stehen in Korrespondenz zur modellhaften Geradlinigkeit und Standhaftigkeit des Helden Santiago. (Dass dieser den Namen eines buchstäblich weg-weisenden Heiligen trägt, gehört zu den vielen Understatements im Text.)

3. Darstellung im Comic

In einer höchst lakonischen Comicstrip-Version der Geschichte durch Dieter Braun wird die Idee des „einfachen“ und „standhaften“ Helden leicht parodistisch auf die Spitze getrieben - parodistisch wohl mit Blick auf den mittlerweile kanonischen Status des Textes als Schullektüre. In acht Bildern sehen wir den alten Mann zunächst am Strand, dann im Boot, dann mit Fisch, dann auf dem Weg heim, dann mit dem Fischgerippe, zuletzt wieder am Strand. Es ist dabei immer genau dieselbe Figur in einer identischen Körperhaltung, die in einen wechselnden Hintergrund hineingezeichnet ist.