Figuren-10-11-2003 (Schmitz-Emans)
E.T.A. Hoffmanns späte Erzählung „Des Vetters Eckfenster“ lässt sich als literarische Reflexion über die Konstitution von „Figuren“ in Erzähltexten lesen.
Hoffmanns romantische Texte markieren den Übergang von der Orientierung am Modell des ganzheitlichen Ichs (dessen immerhin mögliche Zersplitterung und Spaltung ein pathologisches, also ein exzeptionelles Phänomen ist) zu der am Modell des grundsätzlich in sich gespaltenen Ichs, das sich je nach Blickwinkel so oder so, als „der und der“ oder als „ein anderer“ darstellt.
Auf die Bedeutung des jeweiligen Betrachterstandpunkts und der eingenommenen Perspektive für die Wahrnehmung von Personen (und von Wirklichkeit überhaupt) verweist bei Hoffmann eine weitläufige optische Metaphorik. Die Bedingungen, Instrumente und Medien optischer Erfahrung, Bildwahrnehmung und Bilderzeugung werden entsprechend metaphorisiert.
Weil bei Hoffmann das visuell-optische Paradigma eine so zentrale Rolle spielt, wo es um die (doppelte) Thematik der Wahrnehmung und der Darstellung von Welt geht, antizipiert er in seinen Texten Modelle, die auf die spätere Geschichte der optischen Medien vorausdeuten. Zusammen mit der Bedeutung von Medialität als solcher thematisiert er Prozesse des „Zusammenschneidens“ von Segmenten visueller Wahrnehmung.
In „Des Vetters Eckfenster“ reflektiert Hoffmann über die Konstruktion von „Figuren“, indem er Prozesse der Blickführung thematisiert.
Erzählt wird davon, wie zwei Männer - ein kranker Schriftsteller und sein junger Besucher - aus einem Eckfenster auf einen belebten Marktplatz blicken. Der jüngere von ihnen sieht und beschreibt die Menschen dort von außen; dabei registriert er jeweils nur isolierte Wahrnehmungssegmente und Einzelbeobachtungen. Ihm erscheint die Menschen-Welt als eine Folge von visuellen Abschnitten. Der ältere - sein kranker ‘Vetter’, eine Hoffmannsche Dichterfigur - deutet diese Einzelteile aus, indem er sie zu Ganzheiten zusammen-liest und so „Figuren“ konstituiert. Dadurch werden die einzelnen Abschnitte zu einem Kontinuum. In den beiden Männern werden die beiden am Konstruktionsprozess von Figuren beteiligten Instanzen personifiziert: erstens der Blick, der Einzelnes erfasst, und zweitens die Imagination, die daraus ‘ganze’ Figuren macht.
(Der Leser „sieht“ mit den Augen des Beschreibenden Einzelelemente und -Aspekte von erscheinenden Menschengestalten.)
„Ich. Was für eine tolle Figur – ein seidner Hut, der in
kapriziöser Formlosigkeit stets jeder Mode Trotz geboten, mit bunten, in den
Lüften wehenden Federn – ein kurzer seidner Überwurf, dessen Farbe in das
ursprüngliche Nichts zurückgekehrt – darüber ein ziemlich honetter Shawl – der
Florbesatz des gelbkattunenen Kleides reicht bis an die Knöchel – blaugraue
Strümpfe – Schnürstiefeln – hinter ihr eine stattliche Magd mit zwei
Marktkörben, einem Fischnetz, einem Mehlsack. – Gott sei bei uns! was die
seidene Person für wütende Blicke um sich wirft, mit welcher Wut sie eindringt
in die dicksten Haufen – wie sie alles angreift, Gemüse, Obst, Fleisch usw.;
wie sie alles beäugelt, betastet, um alles feilscht und nichts
erhandelt. –
Der Vetter. Ich nenne diese Person, die
keinen Markttag fehlt, die rabiate Hausfrau. Es kommt mir vor, als müsse sie
die Tochter eines reichen Bürgers, vielleicht eines wohlhabenden Seifensieders
sein, deren Hand nebst annexis ein kleiner Geheimsekretär nicht ohne
Anstrengung erworben. Mit Schönheit und Grazie hat sie der Himmel nicht
ausgestattet, dagegen galt sie bei allen Nachbar n für das häuslichste,
wirtschaftlichste Mädchen, und in der Tat, sie ist auch so wirtschaftlich und
wirtschaftet jeden Tag vom Morgen bis in den Abend auf solche entsetzliche
Weise, dass dem armen Geheimsekretär darüber Hören und Sehen vergeht und er
sich dorthin wünscht, wo der Pfeffer wächst. Stets sind alle Pauken- und
Trompetenregister der Einkäufe, der Bestellungen, des Kleinhandels und der
mannigfachen Bedürfnisse des Hauswesens gezogen, und so gleicht des
Geheimsekretärs Wirtschaft einem Gehäuse, in dem ein aufgezogenes Uhrwerk ewig
eine tolle Sinfonie, die der Teufel selbst komponiert hat, fortspielt; ungefähr
jeden vierten Markttag wird sie von einer andern Magd begleitet.“
Schon die Erfassung von Einzel-Bildern und Bild-Segmenten - also die Vorbereitung der eigentlichen „Figuren“- Konstruktion - ist ein produktiver und konstruktiver Akt. Zunächst sieht der jüngere Beobachter nämlich nur ein chaotisches Durcheinander. Erst in einem zweiten Schritt vermag er Bilder aus diesem herauszulösen und durch Beschreibung. festzustellen.
„Die verschiedensten
Farben glänzten im Sonnenschein, und zwar in ganz kleinen Flecken, auf mich
machte dies den Eindruck eines großen, vom Winde bewegten, hin und her wogenden
Tulpenbeets, und ich musste mir gestehen, dass der Anblick zwar recht artig,
aber auf die Länge ermüdend sei, ja wohl gar aufgereizten Personen einen
kleinen Schwindel verursachen könne, der dem nicht unangenehmen Delirieren des
nahenden Traums gliche (...)“
„Der Vetter. Vetter, Vetter! nun sehe ich
wohl, dass auch nicht das kleinste Fünkchen von Schriftstellertalent in dir
glüht. Das erste Erfordernis fehlt dir dazu, um jemals in die Fußstapfen deines
würdigen lahmen Vetters zu treten; nämlich ein Auge, welches wirklich schaut.
Jener Markt bietet dir nichts dar als den Anblick eines scheckichten,
sinnverwirrenden Gewühls des in bedeutungsloser Tätigkeit bewegten Volks. Hoho,
mein Freund, mir entwickelt sich daraus die mannigfachste Szenerie des
bürgerlichen Lebens, und mein Geist, ein wackerer Callot oder moderner
Chodowiecki, entwirft eine Skizze nach der andern, deren Umrisse oft keck genug
sind. Auf, Vetter! ich will sehen, ob ich dir nicht wenigstens die Primizien
der Kunst zu schauen beibringen kann. Sieh einmal gerade vor dich herab in die
Straße; hier hast du mein Glas, bemerkst du wohl die etwas fremdartig
gekleidete Person mit dem großen Marktkorbe am Arm, die, mit einem
Bürstenbinder in tiefem Gespräch begriffen, ganz geschwinde andere Domestika
abzumachen scheint, als die des Leibes Nahrung betreffen?
Ich. Ich habe sie gefasst. Sie hat
ein grell zitronenfarbiges Tuch nach französischer Art turbanähnlich um den
Kopf gewunden, und ihr Gesicht sowie ihr ganzes Wesen zeigt deutlich die
Französin. Wahrscheinlich eine Restantin aus dem letzten Kriege, die ihr
Schäfchen hier ins trockne gebracht.
Der Vetter. Nicht übel geraten. Ich wette,
der Mann verdankt irgendeinem Zweige französischer Industrie ein hübsches
Auskommen, so dass seine Frau ihren Marktkorb mit ganz guten Dingen reichlich
füllen kann. Jetzt stürzt sie sich ins Gewühl. Versuche, Vetter, ob du ihren
Lauf in den verschiedensten Krümmungen verfolgen kannst, ohne sie aus dem Auge
zu verlieren; das gelbe Tuch leuchtet dir vor.
Ich. Ei, wie der brennende gelbe
Punkt die Masse durchschneidet. Jetzt ist sie schon der Kirche nah – jetzt
feilscht sie um etwas bei den Buden – jetzt ist sie fort – o weh! ich habe
sie verloren – nein, dort am Ende duckt sie wieder auf – dort bei dem Geflügel
– sie ergreift eine getupfte Gans – sie betastet sie mit kennerischen
Fingern. –
Der Vetter. Gut, Vetter, das Fixieren des Blicks erzeugt das deutliche Schauen. Doch statt dich auf langweilige Weise in einer Kunst unterrichten zu wollen, die kaum zu erlernen, las mich lieber dich auf allerlei Ergötzliches aufmerksam machen, welches sich vor unsern Augen auftut. Bemerkst du wohl jenes Frauenzimmer, die sich an der Ecke dort, unerachtet das Gedränge gar nicht zu groß, mit beiden spitzen Ellenbogen Platz macht?“
Bei Hoffmann ist der hergestellte Zusammenhang der Zusammenhang einer Erzählung. Im Kontext einer Erzählung erst werden die Segmente möglicher „Figuren“ zu richtigen „Figuren“.
„Ich. Ein paar alte Weiber auf
niedrigen Stühlen sitzend – ihr ganzer Kram in einem mäßigen Korbe vor sich
ausgebreitet – die eine hält bunte Tücher feil, so genannte Vexierware, auf den
Effekt für blöde Augen berechnet – die andere hält eine Niederlage von blauen
und grauen Strümpfen, Strickwolle usw. Sie haben sich zueinander gebeugt – sie
zischeln sich in die Ohren – die eine genießt ein Schälchen Kaffee; die andere
scheint, ganz hingerissen von dem Stoff der Unterhaltung, das Schnäpschen zu
vergessen, das sie eben hinabgleiten lassen wollte; in der Tat ein paar
auffallende Physiognomien! Welches dämonische Lächeln – welche Gestikulation
mit den dürren Knochenärmen! –
Der Vetter. Diese beiden Weiber sitzen
beständig zusammen, und unerachtet die Verschiedenheit ihres Handels keine
Kollision und also keinen eigentlichen Brotneid zulässt, so haben sie sich doch
bis heute stets mit feindseligen Blicken angeschielt und sich, darf ich meiner
geübten Physiognomie trauen, diverse höhnische Redensarten zugeworfen. Oh,
sieh, sieh, Vetter, immer mehr werden sie ein Herz und eine Seele. Die
Tuchverkäuferin teilt der Strumpfhändlerin ein Schälchen Kaffee mit. Was hat
das zu bedeuten? Ich weiß es! Vor wenigen Minuten trat ein junges Mädchen von
höchstens sechzehn Jahren, hübsch wie der Tag, deren ganzem Äußern, deren
ganzem Betragen man Sitte und verschämte Dürftigkeit ansah, angelockt von der
Vexierware, an den Korb. Ihr Sinn war auf ein weißes Tuch mit bunter Borte
gerichtet, dessen sie vielleicht eben sehr bedurfte. Sie feilschte darum, die
Alte wandte alle Künste merkantilischer Schlauheit an, indem sie das Tuch
ausbreitete und die grellen Farben im Sonnenschein schimmern ließ. Sie wurden
handelseinig. Als nun aber die Arme aus dem Schnupftuchzipfel die kleine Kasse
entwickelte, reichte die Barschaft nicht hin zu solcher Ausgabe. Mit
hochglühenden Wangen, helle Tränen in den Augen, entfernte sich das Mädchen, so
schnell sie konnte, während die Alte, höhnisch auflachend, das Tuch
zusammenfaltete und in den Korb zurückwarf. Artige Redensarten mag es dabei
gegeben haben. Aber nun kennt der andere Satan die Kleine und weiß die traurige
Geschichte einer verarmten Familie aufzutischen als eine skandalöse Chronik von
Leichtsinn und vielleicht gar Verbrechen, zur Gemütsergötzlichkeit der
getäuschten Krämerin. Mit der Tasse Kaffee wurde gewiss eine derbe, faustdicke
Verleumdung belohnt.“
Deutlich wird bei Hoffmann aber nicht nur, dass die Wahrnehmung von Zusammenhängendem von einer synthetischen Leistung des Beobachters selbst abhängt und dass die Erzählung ein solcher Konstitutionszusammenhang für Figuren ist.
Deutlich wird auch, dass es sich bei solcher Konstitution von Ganzheiten um ein hypothetisches, von Konjekturen und Spekulationen abhängiges Vorgehen handelt. Der Vetter zeigt seinem jüngeren Besucher, dass man aus den Segmenten möglicher Figuren unterschiedliche Konstruktionen schaffen kann.
„Ich. Von allem, was du da herauskombinierst, lieber Vetter, mag kein Wörtchen wahr sein, aber indem ich die Weiber anschaue, ist mir, Dank sei es deiner lebendigen Darstellung, alles so plausibel, dass ich daran glauben muss, ich mag wollen oder nicht.“
Der Prozess der ganzheitlichen Wahrnehmung von „Figuren“ erscheint als ein protopoetisches Verfahren: Zwischen literarischer Schöpfung und der Rezeption von literarischen Figuren besteht für Hoffmann keine grundsätzliche Differenz. Die poetische Darstellung und die Rezeption poetischer Figuren sind analoge Leistungen.
Wichtig für die synthetisierende und konstruktive Erzeugung von „Figuren“ aus Wahrnehmungssegmenten ist die Orientierung an Figuren-Typen. Die einzelnen Figuren werden hypothetisch bestimmten Mustern zugeordnet, wobei es eine Wahlmöglichkeit zwischen verschiedenen Mustern gibt. Der zurecht- gelesene „Charakter“ ist ein Konstrukt, mit dem frühere Konstrukte wiederholt und variiert werden.
„Der Vetter. Ich nenne diese Person, die keinen Markttag fehlt, die rabiate Hausfrau.“