Ruhr-Universität Bochum                                                                                                               Bochum, 16.12.03

Komparatistik                                                                                                                                    WS 03/04

Seminar: Theorien, Modelle, Methoden: Person und Figur

Dozenten: Prof. Dr. Schmitz-Emans & Prof. Dr. Beilenhoff

Bearbeitet von Julia Valtwies

 

 

Shrek

- Merkmale eines (Anti-) Helden

 

  1. Eine kleine Einführung in den Film

Shrek ist ein Oger, d.h. ein großes grünes „Ungeheuer“. Er lebt alleine in einem riesigen Baumstumpf, inmitten eines Sumpfes. Da Lord Farquaad, der Herrscher über das Land, jedoch alle Fabelwesen in diesen Sumpf verbannt, macht sich Shrek auf den Weg, seinen Besitz und Frieden zurückzufordern. Gemeinsam mit seinem Begleiter „Esel“ (im Original „Donkey“) zieht er los zu Lord Farquaad. Dieser schickt die beiden daraufhin auf eine Mission, bei der sie die Prinzessin Fiona aus einem Turm befreien und zu ihm bringen sollen, damit er sich durch eine Heirat endlich König nennen kann.

Shrek und Esel können die Prinzessin aus den Klauen des Drachens, der den Turm bewacht, befreien. Zunächst ist diese nicht besonders erbaut davon, dass sie von einem Oger gerettet wurde, da sie einen Traumprinzen erwartet hatte. Auf der Rückreise dagegen kommen sich Fiona und Shrek immer näher. In der zweiten Nacht ihrer Reise entdeckt Esel das Geheimnis, welches Fiona umgibt; die tagsüber überaus hübsche Prinzessin verwandelt sich nachts in einen Oger.

Durch ein Missverständnis geraten Shrek und Fiona dann auseinander. Erst durch Vermittlungsversuche von Esel schafft Shrek es im letzten Augenblick die Heirat Lord Farquaads mit Fiona zu unterbinden und gesteht ihr seine Liebe. Letztlich erscheint sie in ihrer wahren Gestalt – als Oger. Das Happy End wird durch die Heirat der beiden perfekt.

 

 

2.      Shreks Merkmale als (Anti-) Held

Auf den ersten Blick scheint die animierte Filmfigur Shrek das Gegenteil eines Helden zu sein. Er ist ein „Ungeheuer“, das dick und hässlich ist und allein in seinem Sumpf wohnt. Schon in den ersten Einstellungen des Films erkennt man seine ekelhaften und unmenschlichen Eigenarten. Dementsprechend wäscht er sich mit Schlamm, putzt sich die Zähne mit grünem Schleim und entledigt sich seiner Blähungen in einem Teich, so dass die dort lebenden Fische ersticken. All dies zeigt den Gegensatz zu „normalen“ Helden, die eher als rein und hübsch zu bezeichnen sind, wie etwa Herkules, Batman etc. Sie alle haben einen gestählten Körper und zumeist ein recht hübsches Gesicht. Shrek aber hat einen dicken Bauch und auch sonst keine sehr ansehnliche Figur. Sein Kopf ist sehr groß, mit einem speckigen Kinn, einer breiten Nase und zwei seltsam anmutenden Ohren. Außerdem trägt er eine Glatze.

In der ersten Szene des Films beginnt seine Morgentoilette, indem er, auf der Toilette sitzend, ein Märchen liest. Es ist ein sehr typisches Märchen von einer Prinzessin, die im höchsten Zimmer des höchsten Turmes eines von einem Drachen bewachten Schlosses wohnt und auf die Rettung durch einen edlen Prinzen träumt. Als diese Geschichte kurz vor dem Happy End steht, reißt Shrek lachend die letzte Seite heraus, da er nicht an eine solche Romantik glaubt.

 

Normalerweise hat er keinerlei Kontakt zu Menschen oder anderen Wesen. Die Menschen aus dem nahegelegenen Dorf kommen zu Beginn des Films einmal in sein Gebiet, um ihn zur Strecke zu bringen. Er erkennt sie jedoch rechtzeitig und kann den Spieß umdrehen. Dazu schleicht er sich von hinten an sie heran und erschreckt sie. Er greift dabei die Gerüchte auf, die über Ogers verbreitet sind und sagt, dass er sie töten und häppchenweise verzehren könnte. Diese Stelle zeigt Shreks Art, die Gerüchte über ihn anzunehmen und sich diese mit einem sarkastischen Unterton zunutze zu machen, er ist also recht clever. Zusätzlich wird hier präsentiert, wie sehr Shrek außerhalb der Gesellschaft lebt, da die Menschen aus Unwissenheit Angst vor ihm haben und ihn sogar töten wollen. Es wird hier allerdings auch eine gute Seite Shreks, die (vielleicht) heldenhaft ist, dargestellt. Er ist in der Lage seine Überlegenheit zu erkennen und schlägt den Menschen vor, wegzulaufen.

Der Protagonist ist nicht gewalttätig, denn er hat die Erfahrung gemacht, dass seine bloße Erscheinung ausreicht, um seine Ruhe vor Angreifern zu haben. Und für diese Ruhe ist er sogar bereit, eine gefährliche Mission auf sich zu nehmen.

Zum ersten Mal zeigt Shrek seinen heldenhaften Mut in der Szene, in der er von mehreren Rittern angegriffen wird. Zunächst möchte er sie mit seiner jovialen Art besänftigen, doch als er sieht, dass das keinen Sinn hat, beginnt er sich zu wehren. Vergleichbar mit beispielsweise Aragorn aus dem Herrn der Ringe, schafft er es natürlich (fast) ganz alleine seine Gegner unschädlich zu machen.

Als Shrek und Esel zu dem Schloss kommen, in dem Prinzessin Fiona festgehalten wird, ist der Titelheld waghalsig genug, um den kochenden Lava-Fluss zu überqueren und treibt dabei natürlich noch seine Späße mit dem Esel. Bei der späteren Bekämpfung und daraufhin Verfolgung des Drachen zeigt sich sein Mut ebenfalls. Denn er denkt nicht nur an sich, sondern rettet zuerst die Prinzessin und Esel, bevor er sich darum kümmert, selbst in Sicherheit zu sein. Durch seine Kraft ist er dazu in der Lage, die beiden zu schultern und aus der Gefahrenzone zu bringen.

„Aber was wäre eine tapferer Ritter ohne sein edles Ross?“ sagt Fiona kurz nach ihrer Rettung und sie hat Recht. Wie die üblichen Helden (Batman, Frodo usw.) hat auch Shrek einen Begleiter. Auch wenn er den Esel zunächst nicht leiden kann, wachsen die beiden später doch zu Freunden zusammen. Shrek, der nicht gewohnt ist, mit anderen Wesen etwas zu teilen, kann vorerst nichts mit Esel anfangen. Selbstverständlich ist dieser am Ende des Films (wie Sam für Frodo) der Retter. Er kann den Titelhelden davon überzeugen, dass er und die Prinzessin zusammengehören und verhilft ihm durch seine Freundschaft zu dem Drachenmädchen, das den Turm bewachte, dazu, die Hochzeit zwischen Lord Farquaad und Prinzessin Fiona zu verhindern.

Und wie jeder gute Held bekommt auch er letzten Endes die Frau.

Neben vielen indirekten Anspielungen auf diverse Filme, wird er in einer Situation mit einem altbekannten Helden in einen direkten Vergleich gesetzt. Auf der Rückreise von Fionas Gefängnis zu Lord Farquaad treffen die drei Hauptfiguren auf Robin Hood, der die Prinzessin „aus den Klauen dieses schrecklichen grünen Monsters“ befreien will. Man kann also sehen, dass Shrek äußerlich eher das verkörpert, was Helden zu ihren Heldentaten anstiftet: ein erschreckendes Monster, das eine Gefahr für eine schöne Lady darstellt. Robin Hood wird im Gegensatz zu Shrek als nicht ernstzunehmend gezeigt. Zuerst spricht er mit einem französischen Akzent. Später mutiert er zu einem homosexuellen Musicalstar, der mit seiner „Bande“ einen Tanz  (mit „Lord-of-the-dance“-Elementen)  vorführt. Mit diesen Merkmalen steht er konträr zu Shrek. Robin Hood ist viel schmächtiger und weniger maskulin.

Auch zeigt diese Sequenz, wie eine bereits oben erwähnte, dass Shrek nur kämpft, wenn er sich selbst oder seine Freunde bedroht sieht. Robin Hood stellt für ihn keine wirkliche Gefährdung dar, also greift er nicht ein. Fiona kämpft stattdessen.

Um noch etwas zu sonstigen Heldeneigenschaften zu sagen, möchte ich auf den Aspekt der Geburt zu sprechen kommen; es ist nichts über diese bekannt. Er ist einfach da und es wird auch nicht gesagt, wie lange Oger leben können. Mit Göttern hat er nichts zu tun. Zumindest weist er keinerlei göttergleichen Züge auf oder besondere Begünstigungen. Einmal wird er vom Esel sogar als „Missgeburt“ betitelt. Das widerspricht quasi dem eigentlichen Heldenbild. Seine Geburt stand nicht unter einem besonders guten Stern. Ausgeschlossen von der Gesellschaft, könnte man ihm fast eine prometheische Autonomie zuschreiben. Passend zu diesem Vergleich, gibt es eine Szene, in der er aus seinem Ohrenschmalz eine Kerze kreiert und somit Feuer schafft.

 

Für den Zuschauer zeigt seine Figur und die Geschichte, die ihn umgibt eine sozusagen heldenhafte Aussage. Als Prinzessin Fiona sich „durch der wahren Liebe ersten Kuss“ in  ihre wahre Gestalt - eine Oger-Frau verwandelt, wird klar, dass die wahre Liebe nichts mit Äußerlichkeiten zu tun hat. Mehrere Male wird diese Thematik im Film angesprochen. Jedes Mal zeigt sich, dass man die Menschen bzw. jegliche Wesen nicht nach ihrem äußeren Erscheinen beurteilen darf, sondern nach den inneren Stärken suchen muss. Außerdem will der Film durch Shrek zeigen, dass man sich selbst ebenfalls so akzeptieren soll, wie man ist.