Ruhr- Universität Bochum                                           

Lehrstuhl für Komparatistik & Institut für Medienwissenschaft

WS 2003 / 2004

Seminar: TMM – Person und Figur: Helden

Dozenten: Prof. Dr. Schmitz-Emans & Prof. Dr. Beilenhoff

Verfasserin: Maren Arndt

 

 

Siegfried der Drachentöter

 

1.) Einleitung und Inhaltsangabe

Siegfried der Drachentöter ist die bekannteste Figur der germanischen Sagenwelt. Sein Leben und dessen Nachwirkungen wurden im 12. Jahrhundert im Epos „Das Nibelungenlied“ festgehalten. Besonders berühmt wurde die Figur des Siegfrieds durch Wagners Musikdrama „Der Ring des Nibelungen“.

Grundlage dieser Betrachtung des Siegfrieds ist „Die Nibelungen“ von Auguste Lechner. „Die Nibelungen“ ist eine für den Schulunterricht gedachte Fassung des mittelhochdeutschen „Nibelungenlieds“. Um den Schülern den Zugang zu diesem Stoff zu erleichtern, erzählt Lechner im heutigen Deutsch und hat einen romanhaften Aufbau gewählt.

Lechners Erzählung setzt ein, als Siegfried noch der junge Prinz der Niederlanden ist und schildert ihn als sehr ungestüm. Um diesen Übermut zu mindern wird er von seinen Eltern zum Schied Mimer in die Lehre geschickt. Dort erfährt Siegfried von einem gefährlichen Drachen, der in der Umgebung sein Unwesen treibt. Siegfried beschließt diesen Drachen zu töten, was ihm nach einem langen Kampf schließlich auch gelingt. Nach dem Kampf stellt er fest, dass Drachenblut unverwundbar macht, woraufhin er in dem Drachenblut badet. Seitdem ist Siegfried unverletzbar, außer an einer kleinen Stelle auf dem Rücken, die während des Bades von einem Lindenblatt bedeckt war.

Nach dieser ersten Heldentat kehrt Siegfried in seine Heimatstadt Xanten zurück, doch er bleibt nicht lange, da ihn der Wunsch nach weiteren Abenteuer in die Welt hinaus treibt. Seine erste Station ist das Königreich der Nibelungen. Dort gerät er unverschuldet mit den Königen in Streit und tötet sie. So wird er selbst König von Nibelungen und erhält dadurch den riesigen Schatz der Nibelungen, das Wunderschwert Balmung und eine Tarnkappe, die unsichtbar macht und die eigene Kraft vervielfacht.

Danach fährt er zu den Kampfspielen der übermenschlich starken Königin Brunhilde nach Isenstein. Wer bei Brunhilde besiegt, darf sie heiraten. Siegfried schafft den Sieg, doch ist er an einer Heirat nicht interessiert.

Seine große Liebe findet Siegfried nämlich in Worms. Dort verliebt er sich in Krimhild, die die Schwester der Burgundenkönige Gunther, Gernot und Giselher ist. Obwohl er bei deren Onkel Hagen von Tronje auf heftige Ablehnung stößt, schließt er schnell Freundschaft mit den Königen. Deshalb hilft er auch König Gunther um Brunhilde zu werben. Gemeinsam fahren sie nach Isenstein, wo Siegfried unter seiner Tarnkappe Gunther zum Sieg über Brunhilde verhilft. Als Dankeschön darf Siegfried Krimhild heiraten.

Nach der Hochzeit mit Gunther durchschaut Brunhilde diese List. Aufgrund dieses Betruges und der Tatsache, dass sie durch Geschlechtsverkehr ihre übermenschlichen Kräfte verliert, weigert sie sich die Ehe zu vollziehen. Als Siegfried davon erfährt, hilft er Gunther wieder durch eine Tarnkappenlist.

Nach einigen Jahren glücklicher Ehe mit Krimhild in Xanten, kehren beide nach Worms zurück. Dort gerät Krimhild in Streit mit Brunhilde und verrät dabei, dass es immer Siegfried war, der sie besiegt hat. Als Brunhilde das hört, ist sie in ihrem Zorn nicht mehr zu bändigen und sie verlangt als Sühne Siegfrieds Tod. Hagen drängt die Könige dieser Forderung nachzukommen und mit deren Einverständnis tötet er Siegfried eigenhändig während einer Jagd. Dazu ist er in der Lage, da er durch eine List erfahren hat, wo Siegfrieds einzige verwundbare Stelle ist.

Mit seinem Tod endet zwar die Geschichte Siegfrieds, aber nicht Lechners „Nibelungen“. Es folgt noch die Versenkung des Nibelungenschatzes durch Hagen, der damit Krimhild in ihrer Stellung als Königin von Nibelungen schwächen will. Außerdem wird noch Krimhilds Rache geschildert. Jahre nach Siegfrieds Tod heiratet sie den Hunnenkönig Etzel . Während eines Besuches ihrer Brüder und Hagen hetzt sie die Hunnen gegen diese auf und in einer großen Schlacht sterben alle: am Ende tötet Krimhild Hagen und erleidet dafür dasselbe Schicksal.

 

2) Siegfried als Held

Bei ihrer Darstellung des Siegfrieds lässt Lechner keinen Zweifel offen, ob Siegfried ein Held ist. Mehrfach bezeichnet sie ihn auch ausdrücklich als Held: nach der Drachentötung („großer Held“; Lechner, 25), in Nibelungen („gewaltiger Held“; Lechner, 30) oder auch nach seinem Tode („herrlichste Held“; Lechner, 100).

Dabei erscheint Siegfried während seiner Jugendzeit noch als überhaupt nicht heldenhaft. Hier wird er nämlich noch charakterisiert als „ungebärdig“ (Lechner, 5), übermütig und jähzornig (Lechner, 5). Eine Veränderung seines Verhaltens setzt erst mit der Tötung des Drachens ein: „[…] etwas war anders geworden, fühlte er, aber er hätte nicht sagen können, was es war.“ (Lechner, 22) Dem Leser wird jedoch schnell klar, dass Siegfried erwachsen geworden ist. Man erkennt es daran, dass sein Jähzorn abnimmt, er mehr auf andere achtet und seine große Kraft nicht mehr unkontrolliert einsetzt (die einzige Ausnahme stellt dabei Siegfrieds Ankunft in Worms dar, wo der alte Jähzorn wieder aufflammt, jedoch auch schnell abgemildert werden kann).

Siegfrieds zentrales Heldenattribut stellt seine Kraft dar. Zwar hat er auch viele andere Eigenschaften eines Heldes (er ist z.B. auch weise, mild und seinen Freunden treu; vgl. Lechner, 43 und 53), doch nur durch seine Kraft ist es Siegfried möglich seine Heldentaten zu vollbringen. Aus reiner Kraft tötet er den Drachen und besiegt die Könige der Nibelungen. Durch diese beiden Taten erreicht Siegfried dann seine übermenschliche Stärke, nämlich seine Unverwundbarkeit, das Wunderschwert Balmung und die Tarnkappe. Durch diese wurde Siegfried berühmt, und da sie auf seine eigene, angeborene Kraft zurückzuführen ist, kann die Kraft als zentrales Heldenattribut gesehen werden.

Eine weitere Eigenschaft ist auffällig bei Siegfried, nämlich seine Listigkeit. Diese legt einen Vergleich mit dem griechischen Helden Odysseus nahe, welcher unter Punkt 2.2) unter Einbeziehung der Figur des Hagens gezogen wird.

 

2.1) Anwengung der Grimm’schen Heldenattribute

Im Seminar „TMM – Person und Figur: Helden“ wurden Eigenschaften besprochen, die ein Held nach Jakob Grimm haben sollte. Einige von diesen sollen nun unter diesen Punkt aufgegriffen und auf Siegfried angewendet werden.

a) Laut Grimm sind die meisten Helden direkte Abkömmlinge oder Inkarnationen von Göttern. Dies ist bei Siegfried in dieser Fassung schwer festzustellen, da bei Lechner die Geschehnisse bereits in christlicher Zeit stattfinden. Hinweise, ob Siegfried ein von Gott Auserwählter ist, sind im Text nicht zu finden und Siegfried weist auch keine Charakteristika einer Heilsfigur auf.

Die heidnische Welt, in der die alte Nibelungensage spielt, ist jedoch im Hintergrund von Lechners Text noch stets präsent. Es gibt z.B. mythische Wesen wie Drachen, Riesen und Zwerge. Außerdem erscheint Brunhilde Siegfried wie „eine von den Walküren, die in uralter heidnischer Zeit über die Schlachtfelder ritten.“ (Lechner, 78)

Siegfried selbst gleicht bei einem nächtlichen Ritt dem nordischen Gott Wodan, den man „vor vielen hundert Jahren“ (Lechner, 71) noch auf der Erde sehen konnte. Diese Gleichsetzung mit Wodan stellt die einzige Verwandtschaft Siegfrieds mit den Göttern dar, welche in der ursprünglichen Sage noch stärker ausgeprägt sein kann.

 

b) Nach Grimm sind Helden oft größer und kräftiger als andere Manschen.

Diese Eigenschaft trifft auf Siegfried absolut zu. Schon während seiner Jugend wird klar, dass er stärker ist als andere (Lechner, 6 u. 12) und auch seine außergewöhnliche Größe wird betont (Lechner, 9).

 

c) Grimm stellt fest, dass Helden entweder früh sterben oder ein sehr hohes Alter erreichen.

Bei Siegfried ist ersteres der Fall, da er durch Hagens Attentat früh stirbt.

 

2.2) Hagen von Tronje als Siegfrieds Gegenfigur

Aufgrund der bisher herausgearbeiteten Ergebnisse kann Siegfried durchaus als "strahlender Held" bezeichnet werden. Seine Gegenfigur stellt dabei Hagen von Tronje dar, der von Lechner als typischer Fiesling charakterisiert wird: „finster, einäugig, schweigsam“ (Lechner, 37).

Schnell entsteht ein Konflikt zwischen den Männern: Hagen ist eifersüchtig auf und misstrauisch gegenüber Siegfried, da er fürchtet, Siegfried habe zu großen Einfluss auf seine Neffen (vgl. Lechner, 46 und 56). Als sich dann durch Brunhildes Forderung, Siegfried zu töten, die Gelegenheit ergibt Siegfried loszuwerden, ist es auch Hagen, von dem Initiative ausgeht dieser Forderung nachzukommen.

Hagen geht in der Planung des Mordes sehr listig vor: Er arrangiert einen Schein-Krieg und bittet Krimhild ihm Siegfrieds verwundbare Stelle zu verraten, damit er diesen besser schützen könne. Krimhild tappt in die Falle und kennzeichnet die Stelle auf Siegfrieds Gewand mit einem Kreuz. Als Hagen nun mit Siegfried und den Königen in den Krieg ziehen will, lässt er den Scheinkrieg platzen und lädt statt dessen zu einer Jagd ein. Bei einer Rast tötet er dann Siegfried durch einen Stich in den Rücken.

Auch Siegfried ist sehr listenreich. So hilft er Gunther durch seine Tarnkappe Brunhilde zu freien und sie zur Frau zu nehmen. Der Unterschied bei den Männern ist, dass Siegfried nur dann zu Listen greift, um anderen zu helfen, Hagen hingegen, um sich selbst einen Vorteil zu erschaffen (also um Siegfried loszuwerden).

Der Aspekt der List legt wie bereits erwähnt einen Vergleich mit Odysseus nahe. Bei der Figur des Odysseus wurde im Seminar erarbeitet, dass dieser seinen Listenreichtum sowohl eigennützig als auch uneigennützig einsetzte. Deshalb kann Odysseus unter diesem Aspekt sowohl mit Hagen als auch mit Siegfried verglichen werden. Unter weiteren Aspekten wäre ein Vergleich mit Siegfried jedoch fruchtbarer, da Hagen anders als Siegfried und Odysseus keine Heldenfigur darstellt.

Ein weiterer Unterschied zwischen Siegfried und Hagen ist ihr verhalten im Kampf. Hagen tötet Siegfried unfair: Er schleicht sich von hinten an und Siegfried ist zu diesem Zeitpunkt unbewaffnet. Als Gegensatz hierzu kann man Siegfrieds Kampf mit dem König Lüdegast von Dänemark sehen. In diesem kämpft Siegfried nämlich nicht weiter, als sein Gegner unbewaffnet auf dem Boden liegt (vergl. Lechner, 47f). Die Fairness im Kampf ist ein weiteres Heldenattribut, welches Siegfried auszeichnet und ihn gleichzeitig stark von Hagen abgrenzt.

 

3.) Fazit & Ausblick

Auguste Lechner stellt in ihren „Nibelungen“ Siegfried als typischen Held dar: Er ist stark, schlau bzw. listenreich, treu und fair. Auch der Anwendung der Grimm’schen Heldeneigenschaften hält er stand. Durch die Gegenfigur Hagen von Tronje erscheint Siegfried noch heldenhafter als er eh schon ist.

Interessant wäre es für eine weitere Auseinandersetzung mit Lechners „Nibelungen“ (oder mit anderen Fassungen des Stoffes), ob es noch weitere Heldenfiguren außer Siegfried gibt. Eine Kandidatin hierfür wäre z.B. Krimhild. Die Stärke ihres Willens nach Rache nach Siegfrieds Tod legt nahe, dass Siegfried eine Frau hatte, die ihn an Heldenhaftigkeit kaum unterbietet. Doch dieser Aspekt müsste an anderer[i] Stelle noch genauer untersucht werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



[i]  Grund lage der Arbeit:

Lechner, Auguste: Die Nibelungen. Glanzzeit und Untergang eines mächtigen Volkes. 10. Aufl. Würzburg: Arena 1993.