WS 2003/2004                                                                                                                                     17.11.2003

Ruhr-Universität Bochum

Institut für Komparatistik

Hauptseminar: Helden

Teil II: Zwei Mythische Helden & ihr Nachleben:

Titan, Menschenschöpfer, Kulturstifter, Rebell: Die Rollen des Prometheus im Mythos und in der Literatur

 

Referentin: Nadine Klein

 

 

 

Thema: Franz Kafkas Variation des antiken Prometheus-Mythos; Text im Reader, Seite 147.

 

Franz Kafka (1883-1924) schrieb neben Prometheus ebenfalls die antiken Mythen um Poseidon und Odysseus (in „Das Schweigen der Sirenen“) auf unterschiedliche Weise um und reproduzierte den jeweiligen überlieferten Mythos, dessen Intention diesen weniger zu Ende zu bringen als ihn zu destruieren scheint, so, dass der Leser einer gewissen Ratlosigkeit ausgesetzt wird, denn etwas ihm Vertrautes hat sich ihm unter der Hand ins Ungreifbare und Undenkbare gezogen. Die neue Manifestation steht nun lediglich noch für sich selbst; und doch wird der antike Mythos nicht etwa nur entmythologisiert, sondern es wird ihm sein Modellcharakter ausgetrieben, wobei die Potenzierung des Wunderbaren in befremdlichem Kontrast zur Reduzierung der Einstellung auf unpoetische Nüchternheit steht. Kafka bezieht durch die Revision der Überlieferung den Mythos hermeneutisch auf die Gegenwart, verleiht ihm so neue Bedeutsamkeit und kritisiert den falschen Glauben an eine unverändert weiterlebende mythologische Tradition, indem er deren negative Kehrseite enthüllt.

 

Die Selbstreflexion Kafkas im Prometheus-Mythos

 

Kafkas Werke können insgesamt fast sämtlich vor allem religiös gedeutet werden, da die Bereitwilligkeit und die Begrifflichkeit der sozialen Sphäre, mit der er über den wichtigen Glaubensmythos nachsinnt, es eindeutig machen, dass der Dichter die profanen Machtverhältnisse und die soziale Unterwerfung als Modell der Beziehung zum Göttlichen versteht.

Die meisten Varianten des Prometheus - Mythos um die Jahrhundertwende kreisen um die Frage, ob Prometheus sich befreien kann, und wenn ja, was dies bedeutet. Die Prometheus - Abhandlung erhält eine Zentralstellung innerhalb von Kafkas Mythenadaptionen, die ihn als Einstieg in diesen Schaffenskomplex betrachten lässt, was auch daran ersichtlich wird, dass Kafka selbst das Problem der Mythenrezeption am Prometheus - Stoff dargelegt hat, weil an diesem Beispiel die charakteristische Wandelbarkeit der Mythen besonders deutlich wird.

Dieser das Baugesetz der Aufzählung verwendende Text beginnt wie eine wissenschaftliche Untersuchung, die in ihrer Metasprache die Sage erörtert, wozu die vier Versionen in jeweils einem Satz aneinandergereiht werden, von denen nur die erste die eigentliche antike Überlieferung wirklich aufgreift und somit zur klassischen wird, die formuliert, wie Prometheus (der Held?) für seinen Verrat an den Göttern eine ewige Strafe erhält: am Kaukasus festgeschmiedet, muss er erleiden, dass von den Göttern geschickte Adler von seiner immer wachsenden Leber fraßen, wobei die letzte Handlungseinheit der alten Erzählung - die Befreiung des Prometheus durch Herakles und seine Erlösung durch Cheiron - verschwiegen und statt dessen anstelle dieser immer wieder neue Handlungseinheiten hinzugefügt werden, die die endlose Strafe beenden, jedoch ohne eine wirkliche Erlösung. Nach der zweiten Sage wird er mit dem Felsen eins, nach der dritten sind Verrat, Götter, Adler und er selbst vergessen und nach der vierten schließlich werden Götter, Adler und Wunde müde, wodurch Kafka die Geschichte vernichtet, damit eine Antithese zu der alten Fassung setzt und seine Abhandlung mit dem Unerklärlichen beendet.

 

Der Text setzt ein: Von Prometheus berichten vier Sagen, womit Kafka bewusst das traditionelle Genre der Sage um den Helden heranzieht und dadurch schon am Anfang das Problem literarischer Überlieferung betont, da sich die Sage wie der Mythos allgemein ja vor allen anderen Gattungen durch die Wandelbarkeit ihres Inhaltes und ihrer Gestalt auszeichnet und sein Anliegen ja eine vollkommene Überlieferung wäre. Er lässt die gesamte Vorgeschichte weg und isoliert den Akt des Verrates der Götter an die Menschen, auf den sowie auf die Aspekte des Schuldigwerdens und des passiven Leidens er allein den gesamten Mythos reduziert, indem bereits die erste Sage das Bild des Titanen destruiert. Und doch kann diese Umkehrung der traditionellen Verherrlichung des Prometheus nicht als die einzige Intention des Autors gewertet werden, da die Mythosrevision, wie sie die erste Sage vornimmt, von der nachfolgenden entscheidend in Frage gestellt wird, denn die hoffnungslose Sinnlosigkeit des Bestrafungsrituals der ersten Sage rührt daher, dass der zugrunde liegende Konflikt zwischen Prometheus und den Göttern keinerlei Aussicht auf eine Lösungsmöglichkeit besitzt, da Kafka, indem er die Adler unaufhörlich von der immer wachsenden Leber des Prometheus fressen lässt, die Bestrafung bewusst auf eine endlose Wiederholung anlegt und die zweite Sage, die als eine märchenhafte Verschmelzung des Prometheus mit dem toten Felsgestein, welches die bewusstlose Natur darstellt, als Kafkas ironisch - parodistische Travestie der Idee einer mythischen Einheit des menschlichen Subjekts mit der organisch belebten Natur gelesen werden kann, gegen dieses zentrale Motiv einen klaren Widerspruch erhebt.

Während die erste Sage aus einer distanziert - auktorialen Haltung den Konflikt zweier gegensätzlicher Parteien berichtet, die weder eine Versöhnung noch die völlige Vernichtung des Schuldigen zulässt, so ändert sich in der zweiten Sage mit dem Inhalt auch die Form der Darstellung entscheidend, weil hier nicht wie in der ersten Sage der objektive Gesamtzusammenhang des Geschehens, der die gleichmäßige erzählerische Berücksichtigung aller Beteiligten - Prometheus, der Götter und des Adlers - notwendig macht, zentral ist, sondern jetzt die subjektive Seite des Ereignisses, die Leidenserfahrung des „Helden“ Prometheus in den Blickpunkt gerät und damit die Perspektive des leidenden Opfers berücksichtigt, weshalb hier auch die Götter gar nicht und die Adler nicht objektiv in Erscheinung treten.

Aus einer wieder neuen Perspektive, die diesmal weder den objektiven Zusammenhang von Schuld und Bestrafung noch die subjektive Leidenserfahrung des Opfers darstellt, sondern sich auf die geschichtliche Dimension des Mythos richtet, berichtet die dritte Sage, nach der ja alles vergessen wird und mit der Kafka aufs Neue den nicht rückgängig zu machenden Untergang der antiken Götterwelt verdeutlicht, woraufhin die vierte Sage, nach der schließlich der gesamte Mythos im Laufe der Zeit bedeutungslos geworden zu sein scheint, dann die Überlieferung  aus der Perspektive des Desinteresses (Müdewerdens) am Gegenstand zerstört.

 

Die kommunikative Funktion der Motiventstellung zeigt an diesem Beispiel deutlich, wie Kafka, sowieso nur den Teil des Mythos herausgreifend, der die Strafe und das Ende der Strafenqual behandelt, in der ersten Variante sowohl motivkonform zitiert, jedoch dann weitere Varianten bietet, die den tradierten Mythos auflösen; ungriechisch ist die Vorstellung von der allmählichen Versteinerung, ebenso zerstört der Gedanke, eine alles erlösende Müdigkeit senke sich über den gesamten Kosmos und den Inhalt, den Mythos, und letztlich proklamiert die letzte Variante, ein Kreislauf ontologischer Spekulation,  womit die Unerklärbarkeit zum Weltzustand gemacht wird. Jedoch hat nicht etwa eine erkenntnisreiche, nachmythische Zeit den Mythos abgelöst, sondern es ist ein Zustand absoluter Uneinsichtigkeit eingetreten.

Der Text thematisiert also die Unerklärlichkeit und Wirklichkeit der Sage, doch ist das Unerklärliche am Ende stärker, weil die einzelnen Ebenen zwar verschiedene Varianten bieten, aber im Grunde überhaupt nichts erklärt wird, womit einmal mehr das Motiv der Unmöglichkeit bei Kafka auftritt; gleichzeitig kann der Text im biblisch - religiösen Sinn gedeutet werden,  indem seine Entmythologisierung sowie die Entheroisierung des Prometheus durch die Gegenüberstellung und Relativierung von vier verschiedenen Auslegungen der Sage und die Auflösung des Mythos in der von Kafka proklamierten Unerklärlichkeit des Wahrheitsgrundes dieser Sage besteht. Er löst sich von selber auf, insofern der von Prometheus an den Göttern begangene Verrat von beiden Seiten einfach vergessen wird.  

 

Was die beiden Fassungen des Mythos ansonsten noch unterscheidet, ist das Vergessen, das Kafka ja auch im Paradox der dritten Sage seiner Version des Prometheus - Mythos formuliert: Nach der dritten  wurde in den Jahrtausenden sein Verrat vergessen..., und auch gehören beide Fassungen verschiedenen Formen der Überlieferung an, denn der eigentlich Mythos wurde gesprochen überliefert.

 

Die Struktur des Mythos ist jedoch wieder hergestellt, keines seiner konstitutiven Momente fehlt in Kafkas Version und seine Destruktion ergibt keine rationale Entmythologisierung im Sinne der Reduzierung auf den unerklärbaren Rest, den hier das Felsgebirge bildet, sondern es geht vielmehr um eine Kausalität des Geschehens, die logische Vorgänge nachbilden soll, wozu gedanklich bestimmte Konjunktionen und Partikel wie aber, jedoch, obwohl, trotz, allerdings, freilich verwendet werden.

 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Beziehungen zwischen Kafka und der Antike äußerst vielfältig sind, wobei auffällig ist, dass Kafka gerade dort, wo er sich direkt mit antiken Gestalten wie Prometheus befasst, am weitesten von diesen entfernt erscheint, denn in dieser seiner Kurzgeschichte identifiziert er sich nicht mit den alten Vorstellungen, sondern verfremdet ihren Gegenstand und indem er die antike Welt ironisch, ja satirisch spiegelt, bleibt er ihr gegenüber.

Kafka sah das Leben als etwas Unerklärliches und die Literatur, besonders Sagen und seine Erzählungen als Versuch, es zu verstehen.