Prometheus (Schmitz-Emans), zum 18.11.2003
Prometheus als Held: Vom Mythos zur Popkultur
Prometheus, an Kunstfertigkeit dem Götterschmied Hephaistos vergleichbar, steht im Mittelpunkt eines ganzen Mythenkomplexes. Er ist charakterisiert durch seine Klugheit und seine Fähigkeit, voraus zudenken (Prometheus = Vorbedacht), zugleich durch List und Verschlagenheit; er ergreift aus gegebenen Anlässen die Partei der Menschen gegen die Götter. In Konflikt mit Zeus gerät er, als er bei der Aufteilung eines geschlachteten Stiers die guten Stücke den Menschen zuschanzt, die schlechten hingegen, oberflächlich kaschiert, als Opferanteile für Zeus bestimmt. Zeus gibt vor, auf den Betrug hereinzufallen, rächt sich anschließend aber an den Menschen, indem er ihnen das lebensnotwendige Feuer vorenthält. Prometheus stielt es daraufhin vom Himmel und bringt es zu den Menschen. Zeus Rache an der Menschheit besteht nun in der Entsendung der Pandora. Prometheus selbst wird durch Anbindung an einen Felsen im Kaukasus bestraft. Hier besucht ihn täglich ein Adler und frisst von seiner Leber, die aber immer wieder nachwächst. Hesiods "Erga kai Hemerai" berichtet um 700 v. Chr. von diesen Ereignissen. Der leidende Prometheus, der stellvertretend für die Menschheit ein Unheil auf sich nimmt, ist in der Neuzeit unter anderem als Präfiguration Christi interpretiert worden.
„Pro-metheus“ heißt „vor-bedacht“. Der griechischen
Mythologie zufolge ist Prometheus ein Vetter des Zeus, nämlich der Sohn von
Iapetos, dem Bruder von Kronos, der Zeus’ Vater war und von Zeus gestürzt
wurde. Als Prometheus’ Mutter wird entweder die Göttin Themis (Gaia) oder die
Okeanide Klymene oder Asia genannt. Prometheus hat mehrere Brüder, Epimetheus
(„nachbedacht“), Menoitos und Atlas.
Als die Titanen gegen Zeus und die olympischen Götter
kämpfen, schließt er sich der Seite der Götter an und verhilft Zeus zum Sieg.
Später kommt es zum Konflikt mit Zeus, und zwar anlässlich des Einsatzes von
Prometheus für die Menschen und gegen Zeus’ Interessen. Aischylos stellt in der
ihm zugeschriebenen Tragödie den Prometheus als Kulturbringer dar.
Bei Aristophanes schon wird er als Menschenbildner
gedeutet; bei Philemon bildet er alle Lebewesen, bei Menander die Frauen.
Prometheus wurde in Athen zusammen mit Athene in der
Akademie verehrt; er hat angeblich bei ihrer Geburt (aus dem Haupt des Zeus)
Beistand geleistet
Da er die Menschen nach dem Bild der Götter geschaffen
hat, sind die Menschen den Göttern ähnlich. (Ovid) Nach Äsop soll Prometheus,
nachdem er aus dem ihm zur Verfügung stehenden Material zunächst zu viele Tiere
gebildet hatte, auf Befehl des Zeus dann auch noch Menschen schaffen. Da ihm
das Material ausgegangen ist, schafft er Tiere zu Menschen um; er kann aber nur
noch ihr Äußeres ändern, nicht ihre Seelen, so dass die Menschen nun tierische
Seelen haben.
Einem anderen Überlieferungsstrang zufolge hat
Prometheus wie auch Hephaistos vergeblich um Athene geworben.
Er ist der Gott des Handwerks, Helfer der Menschen,
die ihm gewidmeten Kulte erinnern vor allem an die hilfreiche Wirkung des
Feuers und gelten dessen Erhaltung und Erneuerung.
Gustav Schwab (1792-1850): Sagen des klassischen
Altertums (1838-40), Erster Teil, Erster nacherzählter Mythos, S. 9:
„Prometheus“.
„Himmel und Erde waren geschaffen: das Meer wogte in seinen
Ufern, und die Fische spielten darin; in den Lüften sangen beflügelt die Vögel;
der Erdboden wimmelte von Tieren. Aber nicht fehlte es an dem Geschöpfe, dessen
Leib so beschaffen war, dass der Geist in ihm Wohnung machen und von ihm aus
die Erdenwelt beherrschen konnte. Da betrat Prometheus die Erde, ein Sprössling
des alten Göttergeschlechtes, das Zeus entthront hatte, ein Sohn des erdgeborenen
Uranossohnes Iapetos, kluger Erfindung voll. Dieser wusste wohl, dass im
Erdboden der Same des Himmels schlummere; darum nahm er vom Tone, befeuchtete
denselben mit dem Wasser des Flusses, knetete ihn und formte daraus ein Gebilde
nach dem Ebenbilde der Götter, der Herren der Welt. Diesen seinen Erdenkloß zu
beleben, entlehnte er allenthalben von den Tierseelen gute und böse
Eigenschaften und schloss sie in die Brust des Menschen ein. Unter den
Himmlischen hatte er eine Freundin, Athene, die Göttin der Weisheit. Diese
bewunderte die Schöpfung des Titanensohnes und blies dem halbbeseelten Bilde
den Geist, den göttlichen Atem ein.
So
entstanden die ersten Menschen und füllten bald vervielfältigt die Erde. Lange
aber wussten diese nicht, wie sie sich ihrer edlen Glieder und des empfangenen
Götterfunkelns bedienen sollten. Sehend sahen sie umsonst, hörten hörend nicht;
wie Traumgestalten liefen sie umher und wussten sich der Schöpfung nicht zu
bedienen. Unbekannt war ihnen die Kunst, Steine auszugraben und zu behauen, aus
Lehm Ziegel zu brennen, Balken aus dem gefällten Holze des Waldes zu zimmern
und mit allem diesem sich Häuser zu erbauen. Unter der Erde, in sonnenlosen
Höhlen, wimmelte es von ihnen, wie von beweglichen Ameisen; nicht den Winter,
nicht den blütenvollen Frühling, nicht den früchtereichen Sommer kannten sie an
sicheren Zeichen; planlos war alles, was sie verrichteten. Da nahm sich
Prometheus seiner Geschöpfe an; er lehrte sie den Auf- und Niedergang der
Gestirne beobachten, erfand ihnen die Kunst zu zählen, die Buchstabenschrift;
lehrte sie Tiere ins Joch spannen und zu Genossen ihrer Arbeit brauchen, gewöhnte
die Rosse an Zügel und Wagen; erfand Nachen und Segel für die Schifffahrt. Auch
fürs übrige Leben sorgte er den Menschen. Früher, wenn einer krank wurde, wusste
er kein Mittel, nicht was von Speise und Trank ihm zuträglich sei, kannte kein
Salböl zur Linderung seiner Schäden; sondern aus Mangel an Arzneien starben sie
elendiglich dahin. Darum zeigte ihnen Prometheus die Mischung milder
Heilmittel, allerlei Krankheiten damit zu vertreiben. Dann lehrte er sie die
Wahrsagerkunst, deutete ihnen Vorzeichen und Träume, Vogelflug und Opferschau.
Ferner führte er ihren Blick unter die Erde und ließ sie hier das Erz, das
Eisen, das Silber und das Gold entdecken; kurz, in alle Bequemlichkeiten und
Künste des Lebens leitete er sie ein.
Im
Himmel herrschte mit seinen Kindern seit kurzer Zeit Zeus, der seinen Vater
Kronos entthront und das alte Göttergeschlecht, von welchem auch Prometheus
abstammte(,) gestürzt hatte.
Jetzt
wurden die neuen Götter aufmerksam auf das eben entstandene Menschenvolk. Sie
verlangten Verehrung von ihm für den Schutz, welchen sie demselben angedeihen
zu lassen bereitwillig waren. Zu Mekone in Griechenland ward ein Tag gehalten
zwischen Sterblichen und Unsterblichen, und Rechte und Pflichten der Menschen
bestimmt. Bei dieser Versammlung erschien Prometheus als Anwalt seiner
Menschen, dafür zu sorgen, dass die Götter für die übernommenen Schutzämter den
Sterblichen nicht allzu lästige gebühren auferlegen möchten. Da verführte den
Titanensohn seine Klugheit, die Götter zu betrügen. Er schlachtete im Namen
seiner Geschöpfe einen großen Stier, davon sollten die Himmlischen wählen, was
sie für sich davon verlangten. Er hatte aber nach Zerstückelung des
Opferstieres zwei Haufen gemacht; auf die eine Seite legte er das Fleisch, das Eingeweide
und den Speck, in die Haut des Stieres zusammengefasst, und den Magen obenauf,
auf die andere die kahlen Knochen, künstlich in das Unschlitt des
Schlachtopfers eingehüllt. Und dieser Haufen war der größere. Zeus, der
Göttervater, der allwissende, durchschaute seinen Betrug und sprach: ‘Sohn des
Iapetos, erlauchter König, guter Freund, wie ungleich hast du die Teile
geteilt!’ Prometheus glaubte jetzt erst recht, dass er ihn betrogen, lächelte
bei sich selbst und sprach: ‘Erlauchter Zeus, größter der ewigen Götter, wähle
den Teil, den dir dein Herz im Busen anrät zu wählen.’ Zeus ergrimmte im
Herzen, aber geflissentlich fasste er mit beiden Händen das weiße Unschlitt.
Als er es nun auseinandergedrückt und die bloßen Knochen gewahrte, stellte er
sich an, als entdeckte er eben jetzt erst den Betrug, und zornig sprach er:
‘Ich sehe wohl, Freund Iapetonide, dass du die Kunst des Truges noch nicht
verlernt hast!’
Zeus
beschloss, sich an Prometheus für seinen Betrug zu rächen, und versagte den
Sterblichen die letzte Gabe, die sie zur vollendeteren Gesittung bedurften, das
Feuer. Doch auch dafür wusste der schlaue Sohn des Iapetos Rat. Er nahm den
langen Stängel des markigen Riesenfenchels, näherte sich mit ihm dem
vorüberfahrenden Sonnenwagen und setzte so den Stängel in glosenden Brand. Mit
diesem Feuerzunder kam er hernieder auf die Erde, und bald loderte der erste
Holzstoß gen Himmel. In innerster Seele schmerzte es den Donnerer, als er den
fernhinleuchtenden Glanz des Feuers unter den Menschen emporsteigen sah. Sofort
formte er, da des Feuers Gebrauch den Sterblichen nicht mehr zu nehmen war, ein
neues Übel für sie. Der seiner Kunst wegen berühmte Feuergott Hephaistos musste
ihm das Scheinbild einer schönen Jungfrau fertigen; Athene selbst, die, auf
Prometheus eifersüchtig, ihm abhold geworden war, warf dem Bild ein weißes,
schimmerndes Gewand über, ließ ihr einen Schleier über das Gesicht wallen, den
das Mädchen mit den Händen geteilt hielt, bekränzte ihr Haupt mit frischen
Blumen und umschlang es mit einer goldenen Binde, die gleichfalls Hephaistos
seinem Vater zuliebe kunstreich verfertigt und mit bunten Tiergestalten
herrlich verziert hatte. Hermes, der Götterbote, musste dem holden Gebilde
Sprache verleihen und Aphrodite allen Liebreiz. Also hatte Zeus unter der Gestalt
eines Gutes ein blendendes Übel geschaffen; er nannte das Mägdlein Pandora, das
heißt die Allbeschenkte, denn jeder der Unsterblichen hatte ihr irgendein Unheil
bringendes Geschenk für die Menschen mitgegeben. Darauf führte er die Jungfrau
hernieder auf die Erde, wo Sterbliche vermischt mit den Göttern lustwandelten.
Alle miteinander bewunderten die unvergleichliche Gestalt. Sie aber schritt zu
Epimetheus, dem arglosen Bruder des Prometheus, ihm das Geschenk des Zeus zu
bringen. Vergebens hatte diesen der Bruder gewarnt, niemals ein Geschenk vom
olympischen Herrscher anzunehmen, damit den Menschen kein Leid dadurch
widerführe, sondern es sofort zurückzusenden, Epimetheus, dieses Wortes
uneingedenk, nahm die schöne Jungfrau mit Freuden auf und empfand das Übel
erst, als er es hatte. Denn bisher lebten die Geschlechter der Menschen, von
seinem Bruder beraten, frei vom Übel, ohne beschwerliche Arbeit, ohne quälende
Krankheit. Das Weib aber trug in den Händen ihr Geschenk, ein großes Gefäß mit
einem Deckel versehen. Kaum bei Epimetheus angekommen, schlug sie den Deckel
zurück, und alsbald entflog dem Gefäße eine Schar von Übeln und verbreitete
sich mit Blitzesschnelle über die Erde. Ein einziges Gut war zuunterst in dem
Fasse verborgen, die Hoffnung, aber auf den Rat des Göttervaters warf Pandora
den Deckel wieder zu, ehe sie herausflattern konnte, und verschloss sie für
immer in dem Gefäß. Das Elend füllte inzwischen in allen Gestalten Erde, Luft und Meer. Die Krankheiten irrten bei
Tag und bei Nacht unter den Menschen umher, heimlich und schweigend, denn Zeus
hatte ihnen keine Stimme gegeben; eine Schar von Fiebern hielt die Erde
belagert, und der Tod, früher nur langsam die Sterblichen beschleichend,
beflügelte seinen Schritt.
Darauf
wandte sich Zeus mit seiner Rache gegen Prometheus. Er übergab den Verbrecher
dem Hephaistos und seinen Dienern, dem Kratos und der Bia (dem Zwang und der
Gewalt). Diese mussten ihn in die skythischen Einöden schleppen und hier, über
einem schauderhaften Abgrund, an eine Felswand des Berges schmieden. Ungern
vollzog Hephaistos den Auftrag seines Vaters, er liebte in dem Titanensohn den
verwandten Abkömmling seines Urgroßvaters Uranus, den ebenbürtigen Göttersprössling.
Unter mitleidsvollen Worten und von den roheren Knechten gescholten, ließ er
diese das grausame Werk vollbringen. So musste nun Prometheus an der freudlosen
Klippe hängen, aufrecht, schlaflos, niemals imstande, das müde Knie zu beugen.
‘Viele vergebliche Klagen und Seufzer wirst du versenden’, sagte Hephaistos zu
ihm, ‘denn des Zeus Sinn ist unerbittlich, und alle, die erst seit kurzem die
Herrschergewalt an sich gerissen, sind hartherzig.’ [Dazu eine Endnote: „Zeus
hatte den Kronos (Saturn), seinen Vater, und mit ihm die alte Götterdynastie
gestürzt und sich des Olymps mit Gewalt bemächtigt, Iapetos und Kronos waren
Brüder, Prometheus und Zeus Geschwisterinder.“ Also Vettern!] Wirklich sollte
auch die Qual des Gefangenen ewig oder doch dreißigtausend Jahre dauern. Obwohl
laut aufseufzend und Winde, Ströme, Quellen und Meereswellen, die Allmutter
Erde und den allschauenden Sonnenkreis zu Zeugen seiner Pein aufrufend, blieb
er doch ungebeugten Sinnes. ‘Was das Schicksal beschlossen hat’, sprach er, ‘muss
derjenige tragen, der die unbezwingliche Gewalt der Notwendigkeit einsehen
gelernt hat.’ Auch ließ er sich durch keine Drohungen des Zeus bewegen, die
dunkle Weissagung, dass dem Götterherrscher durch einen neuen Ehebund Verderben
und Untergang bevorstehe, näher auszudeuten. Zeus hielt Wort; er sandte dem
Gefangenen einen Adler, der als täglicher Gast an seiner Leber zehren durfte,
die sich, abgeweidet, immer wieder erneuerte. Diese Qual sollte nicht eher
aufhören, bis ein Ersatzmann erscheinen würde, der durch freiwillige Übernahme
des Todes gewissermaßen sein Stellvertreter zu werden sich erböte.
Jener
Zeitpunkt erschien früher, als der Verurteilte nach dem Spruch des Göttervaters
erwarten durfte. Als er viele Jahre an dem Felsen gehangen, kam Herakles des
Weges, auf der Fahrt nach den Hesperiden und ihren Äpfeln begriffen. Wie er den
Götterenkel am Kaukasus hängen sah und sich seines guten Rates zu erfreuen
hoffte, erbarmte ihn sein Geschick, denn er sah zu, wie der Adler, auf den
Knien des Prometheus sitzend, an der Leber des Unglücklichen fraß. Da legte er
Keule und Löwenhaut hinter sich, spannte den Bogen, entsandte den Pfeil und schoss
den grausamen Vogel von der Leber des Gequälten hinweg. Hierauf löste er seine
Fesseln und führte den Befreiten mit sich davon. Damit aber Zeus’ Bedingung
erfüllt würde, stellte er ihm als Ersatzmann den Zentauren Chiron, der erbötig
war, an jenes Statt zu sterben, denn vorher war er unsterblich. Auf dass jedoch
des Kroniden Urteil, der den Prometheus auf weit längere zeit an den Felsen
gesprochen hatte, auch so nicht unvollzogen bliebe, so musste Prometheus
fortwährend einen eisernen Ring tragen, an welchem sich ein Steinchen von jenem
Kaukasusfelsen befand. So konnte sich Zeus rühmen, dass sein Feind noch immer
an den Kaukasus angeschmiedet lebe.“
·
HESIOD
in der „THEOGONIE“ (um 700 v. Chr. )
berichtet von der Familie des Titanen Prometheus: Bruder Epimetheus war ein
Übel für die Menschheit, Bruder Menoitos war ein Frevler, den der Blitz des
Zeus traf, Bruder Atlas muss das Himmelsgewölbe tragen, und Bruder Prometheus
wurde an den Felsen geschmiedet. Hesiod akzentuiert die Klugheit und List,
gelegentlich die Verschlagenheit des Prometheus: Er nennt ihn „den vielfältig
planenden“ (S. 20), und er betont den Konflikt des Prometheus mit den Göttern
als Kernstück seiner Geschichte: „Weil jener streitend sich messen gewollt / Im
klugen Planen mit dem übermächtigen Kronossohn“ (=Zeus). Nicht um irgendeinen
Konflikt geht es also zwischen Zeus und Prometheus, sondern um die Frage nach
dem überlegenen Intellekt und den daraus abgeleiteten Macht- und Herrschaftsansprüchen.
Den Opferbetrug an Zeus, bei dem es nicht nur um eine einmalige Übertölpelung
des obersten Gottes gehen sollte, sondern um die exemplarische Zuteilung
dessen, was der einen und der anderen Partei (den Göttern und den Menschen)
fortan zustehen sollte, und letztlich um nichts weniger als um die Aufteilung
von Besitz und Macht, da setzt Prometheus nicht rohe Kraft, sondern List ein -
„listige Kunst“ (S. 21) - und mindestens so sehr wie in der Übervorteilung des
Zeus, die er anstrebt, liegt seine Beleidigung gegenüber Zeus darin, diesen
hintergehen zu wollen, listiger sein zu wollen als dieser.
„Prometheus / Der Krummes
sinnende, / Leicht dabei lächelnd, / Und vergaß nicht seine listigen Künste“:
(S. 21) - „So sprach er mit listigem Sinn“ (S. 21)
Auch
der Feuerraub durch Prometheus wird als „List“ akzentuiert, nicht als krude
Gewalttat: Prometheus ist der, der sich durchzusetzen versucht, indem er seinen
Geist anstrengt, seine Klugheit ist das Aufrührerische an ihm: „Aber es
hinterging ihn der treffliche Sohn des Iapetos“ (S. 22). Und auf dieser Ebene
nimmt Zeus denn auch den Kampf auf: Nicht als Blitzeschleuderer geht er gegen
Prometheus vor, sondern mit List: Pandora ist ein vergiftetes Geschenk: schön
von außen, Unheil bringend von innen. Angeblich kommen mit ihr (durch sie) die
Frauen in die Welt - das Verderben der Menschheit. (S. 23), umso schlimmer, als
man sie auch nicht entbehren kann, denn wer soll die Menschen (den Mann)
pflegen, wenn er alt geworden ist? (nachzulesen bei Hesiod S. 23f.) Zeus
demonstriert laut Hesiod auf zweierlei Weise seine Überlegenheit: erstens
geistig - „So ist es nicht möglich, Zeus’ Sinn zu hintergehen / Oder zu
überholen“ (S. 24), und zweitens physisch, durch Macht: siehe Kaukasus! „mit
Zwang hält ihn, so vielkundig er ist / Die mächtige Fessel gebunden“ (S. 24)
Gegen Fesseln, rohen Zwang, hilft auch der klügste Kopf nichts, so fürs erste
die Botschaft.
In
HESIODs „WERKEN UND TAGEN“ wird wiederum die List des Prometheus betont, und
mit ihr der Ärger des Zeus über den Betrugsversuch (S. 236): „ergrimmt in der
Tiefe des Herzens / Weil ihn mit List hinterging Prometheus, wendig im Denken“,
so heißt es über Zeus. Weiter ausgeführt wird der Mythos um Pandora; wir
erfahren, dass in deren Krug (oder Büchse) die Hoffnung zurückblieb, welche
eine Kompensation für die von ihr ausgestreuten Übel hätte sein können.
Hesiod: „Ergai kai Hemerai“ (Szene, da der zornige Zeus auf ein den Menschen zugedachtes Übel sinnt und Hephaistos die Anweisung zur Herstellung der Kunstfrau gibt):
"Und er ließ den Hephaistos, den kunstberühmten,
aufs schnellste / Erde benetzen mit Wasser und menschliche Stimme und Leben /
Dreintun, aber im Antlitz den todfreien Göttinnen ähnlich / Machen die lockende Schönheit des
Mädchens; aber Athene, Werke sie zu lehren, zu weben am Künstliches wirkenden
Webstuhl; / Und dann Liebreiz schütten ums Haupt Aphrodite, die güldne, / Und
auch quälendes Sehnen und gliederverzehrendes Herzweh. / Einzupflanzen
scharwenzelnden Sinn und verschlagene Artung, / gab er dem Hermes Befehl, dem
Geleiter, Töter des Argos. / So sein Geheiß. Die folgten dem Kronossohn Zeus,
dem Gebieter: / Alsbald formte aus Erde der weithin berühmte, der Klumpfuß [=
Hephaistos], / Was aussieht wie ein Mädchen voll Scham, nach dem Ratschluss
Kronions; / Gürten und Ordnen des
Kleids war Werk der Göttin Athene; /
Göttliche Grazien legten ihr an und die Herrin Beredung, / Ketten von Gold,
rings um die Haut. Und ringsum bekränzten
/ Horen, herrlich gelockte, mit Frühlingsblumen das Mädchen. /Doch in
die Brust gab ihr ein der Geleiter, Töter des Argos, /Täuschung und
schmeichelnder Worte Gewalt und verschlagene Artung, / (Hesiod, Werke und Tage,
nach Drux, Menschen aus Menschenhand, 3f.)
Prometheus, der Vorausschauende, ahnt, dass Pandora unheilsträchtig ist und warnt seinen Bruder Epimetheus vor ihr. Doch dieser heiratet Pandora. Es kommt zur Öffnung ihres Gefäßes, alle Übel fliegen heraus, während die Hoffnung (elpis), vom Mythos unter pessimistischer Perspektive betrachtet, im Gefäß verbleibt. Die in dieser Form überlieferte Pandora-Geschichte ist in der Grundhaltung frauenfeindlich (vgl. Pauly 4, 453); nicht allein, dass die Frau als Unheilsbringerin auftritt, sondern auch die Tatsache, dass Epimetheus mit einer Kunstfrau verheiratet ist, sie also offenbar für einen adäquaten Ersatz einer lebendigen Frau hält, gibt zu denken. Epimetheus ist gleichsam der Urahne einer ganzen Folge von literarischen Gestalten, die sich mit künstlichen Frauen verbinden oder sich doch in diese verlieben werden.
·
Äsops Fabel „Der Löwe, Prometheus und der Elefant“ stellt Prometheus als den Schöpfer aller Lebewesen vor, bei dem diese auch ihre Reklamationen vorzubringen pflegen“; Prometheus ist also einerseits avanciert zum gottähnlichen Weltgestalter, andererseits wird er hier zur frei handhabbaren Fabelgestalt, die man verwendet, um Geschichten zu erzählen - Geschichten, die nicht mehr von einer mythisch verbürgten Wahrheit überzeugen wollen, sondern als didaktische Verkleidungen übertragener Wahrheiten verstanden werden wollen. Man kann über die alten Götter Geschichten erfinden - das ist eine römische Respektlosigkeit.
Auch in Äsops „Prometheus und die Menschen“ (S. 81f.) geht es nicht um einen echten Ursprungsmythos, sondern um die Einkleidung einer pessimistischen anthropologischen These in eine Fabel: Die Menschen sind tierisch, von ihrer Natur aus.
„Gemäß
dem Gebot des Zeus erschuf Prometheus Menschen und Tiere. Als Zeus aber sah, dass
der unvernünftigen Tiere viel mehr waren, befahl er ihm, einige Tiere
abzuschaffen und sie zu Menschen umzugestalten. Der folgte dem Gebot, und so
kam es, dass die solchermaßen Umgeformten zwar Menschengestalt, aber tierische
Natur haben. / Dies ist ein Zeugnis gegen tierische und jähzornige Menschen.“
(um 550 v. Chr.)
·
In der Promethie des Aischylos (5. vorchristl. Jh. - Autorschaft umstritten) wird die Geschichte des Prometheus zur dramatischen Darstellung gebracht.
„Prometheus Desmotes“, „Der gefesselte Prometheus“, genaue Entstehungszeit unbekannt.
Auch bei Aischylos steht im Hintergrund die Erinnerung an die Unterstützung der olympischen Partei des Zeus durch Prometheus bei der Entmachtung der Titanen. Der Konflikt zwischen Zeus und Prometheus entsteht, als die Kompetenzen neu geordnet werden sollen.
THEMA DES DRAMAS IST ALSO DIE ORDNUNG DER WELT AUF DER BASIS DER VERTEILUNG VON MACHT UND VON RECHTEN. IMPLIZITE VORAUSSETZUNG DAFÜR IST DASS ES EINER SOLCHEN ORDNUNG BEDARF: DASS ORDNEND KLARGESTELLT UND FESTGELEGT WERDEN MUSS WEM WELCHES RECHT ZUSTEHT.
Die Entwendung des Feuers ist ein Eingriff in die Weltordnung. Mit der Darstellung der deshalb verhängten Strafe setzt das Stück ein.
Der Prolog (V. 1-127) zeigt, wie Hephaistos und seine beiden Gehilfen Kratos und Bia Prometheus gerade in die Ödnis am nördlichen Rand des Erdkreises gebracht haben, wo sie ihn auf Zeus’ Geheiß an den Felsen schmieden sollen. Kratos stellt seine Grausamkeit und Schadenfreude unter Beweis, Hephaistos dagegen empfindet Mitleid. Als sie Prometheus allein gelassen haben, klagt er heftig darüber, dass ihm seine Menschenfreundlichkeit eine so harte Strafe eingetragen hat. Die Schmiedehämmer haben durch ihren Lärm die Okeaniden (Okeanostöchter) angelockt; diese formieren den Chor. Auch sie empfinden Mitleid, wie sie sagen, und mit ihnen alle Götter, außer Zeus. Von der Chorführerin befragt, erzählt Prometheus vom Götterkampf und von der Gewaltherrschaft des Zeus. Der Chor entsteigt seinem Flügelwagen und begibt sich zu Prometheus herab. In der 2. Szene erscheint auch Vater Okeanos und wendet sich Prometheus wohlmeinend zu. Selbst ein Titan, hat er Zeus’ Herrschaft akzeptiert und meint nun, als Fürsprecher für Prometheus auftreten zu können. Doch dieser lehnt jeden Kompomiss ab. In einem anschließenden langen Bericht schildert Prometheus, wie viele Wohltaten er dem Menschengeschlecht erweisen hat. Auf ihn gehen alle Errungenschaften der Zivilisation und Kultur zurück: Zeitrechnung, Zahlen und Schrift, Ackerbau und Viehzucht, Schifffahrt und Heilkunde, Weissagung und Bergbau.
Von Wahnsinn getrieben, erscheint plötzlich eine junge Frau mit Kuhhörnern: Sie heißt Io und ist ein Opfer der Gewalt des Zeus. Von diesem mit Anträgen verfolgt, wurde sie von Hera (der Gemahlin des Zeus) aus Eifersucht in eine Kuh verwandelt und der Aufsicht des Argos unterstellt. Sie wird von einer stechenden Bremse verfolgt (dem Symbol der stechenden Angst vor ihrem alten Verfolger) und irrt ziellos durch die Welt. Prometheus weissagt ihr die Zukunft und ihre Erlösung im Nildelta: Zeus selbst wird sie heilen müssen, und sie wird einen Sohn gebären, der einen Nachkommen haben wird, welcher dann wiederum Prometheus selbst einst erlösen wird: Dieser künftige Erlöser ist Herakles.
Prometheus kennt auch das künftige Schicksal des Zeus voraus: Dieser werde, sofern er sich mit einer anderen Frau verbindet, einen Nachkommen zeugen, der ihn ebenso stürzen werde, wie er seinen eigenen Vater gestürzt hat. Dieses geheime Wissen behält Prometheus jedoch für sich. Io stürzt davon. Hermes erscheint als Bote des Zeus, um die diesen betreffende Weissagung zu erfahren. Doch Prometheus schweigt, trotz angedrohter Strafverschärfung. Zuletzt versinkt er zusammen mit dem ihn unterstützenden Okeanidenchor.
Nicht erhalten ist die Fortsetzung, der „Prometheus Lyomenos“ (der befreite Prometheus). Man kann den Inhalt aber rekonstruieren: Herakles taucht im Kaukasus auf und erlöst Prometheus durch Tötung des leberfressenden Adlers. Prometheus söhnt sich mit Zeus aus, verrät ihm seine Zukunft und wird befreit. Zeus hat sich mit seinem Vater versöhnt und ist inzwischen milder geworden.
Prometheus spielt bei Aischylos die wesentlichen Rollen, die er auch in seiner weiteren (literarischen) Geschichte haben wird: die des Kunstfertigen und die des Rebellen.
Er erscheint im „Gefesselten Prometheus“ als Lehrer aller möglichen Handwerke und Künste, als derjenigen, der den Menschen neben dem Feuer auch die Schrift bringt und die Schifffahrt erfindet.
Zum Vergleich zwischen
Hesiod und Aischylos: Wolfgang Storch, Prometheus, in: Mythos Prometheus 9:
„Aus dem tiefen Bedürfnis nach Gerechtigkeit, ihrer Notwendigkeit, um hier auf Erden leben zu können, ist die Gestalt des Prometheus von Hesiod und Aischylos geschaffen worden. Es sind zwei Gestalten, sie gleichen sich, und sie sind ganz gegensätzlich. Das die Religion prägende Verhältnis zwischen Zeus und den Menschen ist durch die Tat des Prometheus bestimmt. Bei Hesiod ist es durch Prometheus verdorben. Bei Aischylos ist es durch ihn gerettet.“
Aischylos hatte eine Trilogie über Prometheus geschaffen. Von dieser Trilogie des Aischylos ist nur der "Gefesselte Prometheus" als erster Teil erhalten, über den folgenden Teil ("Der befreite Prometheus", „Prometheus lyomenos“) sowie über einen weiteren ("Fackelträger Prometheus") berichten nur Fragmente und Hinweise. Das zuletzt genannte Stück über den „Fackelträger“ (griech. "Pyrphoros") handelte von der Etablierung eines Prometheus-Kultes in Athen.
Der an den Felsen gefesselte Prometheus ist bei Aischylos vor ein Aufrührer; er verhöhnt Zeus als Tyrannen, der ihn zwar quälen aber nicht töten kann - so wie er den Menschen das Feuer nicht wieder abnehmen kann. Rebellentum und Künstlertum werden in einen expliziten Zusammenhang gebracht: Prometheus rühmt sich, dass er die Menschen vor Zeus gerettet und ihnen mit dem Feuer die Kultur gebracht habe.
In gewissem Sinn ist er damit zum Schöpfer der Menschen geworden, zum Urheber menschlichen Bewusstseins. Wäre es nach Zeus gegangen, hätten diese nahezu bewusstlos auf der Erde dahinvegetiert; Prometheus erst hat sie zu dem gemacht, was sie sind. Die eigentliche Menschenschöpfung schreibt Aischylos dem Prometheus noch nicht zu; er scheint davon auszugehen, dass die Menschen und die Götter gleichursprünglich sind und aus der Vereinigung von Hummel und Erde, Uranos und Gaia, hervorgingen.
Fackel und Töpferwerkzeug sind Symbole des Geistigen und des Physischen, also der beiden Bestandteile, aus denen der Mensch zusammengesetzt ist.
Dieter Bremer: Prometheus. Die Formation eines Grundmythologems. In: Prometheus. Mythos der Kultur.
S. 38: „Der Von Aischylos als Drama vorgeführte Prometheus-Mythos wird zum Grundmythologem des Menschen als Kulturwesen; insofern Kultur dabei im wesentlichen von der Technik her gedacht ist, beginnt mit diesem Drama nichts anderes als die Tragödie der Kultur.“
S. 35, über die Trilogie: „Die Frage der Orestie, wie der Mensch von seiner Tat und seinem Leiden, das er nicht allein verursacht hat und das er nicht selbst verantworten muss, befreit und erlöst werden kann, führt nicht auf einen autonom menschlichen Weg, sondern auf eine göttlich begründete Rechtsinstitution, die diese Befreiung und Erlösung leistet. Wenn man dieses Konzept weiterdenkt und versucht, einen Typus zu (36) finden, der zur selbständigen Motivation seines Handelns und zur Selbstbefreiung von seinem Leiden imstande ist, kommt man auf Prometheus. / Zur Entwicklung dieses Konzepts reicht ein rein menschliches Paradigma nicht mehr aus. Autonome Motivation des Handelns mit der Möglichkeit der Selbsterlösung von den Handlungsfolgen ist ein neuzeitliches Modell. Es ist kein Zufall, dass in der Wirkungsgeschichte des Prometheus diese Figur als ein Leitbild für das seiner selbst sich bewusst werdende autonome Wesen des Menschen verstanden worden ist: Prometheus als Prototyp eines eigenverantwortlichen Denkens und Handelns, das mit der Möglichkeit einer Selbstbefreiung einer göttlichen Erlösung nicht mehr bedarf. Mit den zur Zeit des Aischylos gegebenen Denkwegen gibt es keine Möglichkeit, einen solchen Typus als Menschen darzustellen; Prometheus ist in der Situation eines Titanen, d.h. eines Unsterblichen (...)“
S. 36: „Die griechische Tragödie ist dadurch ausgezeichnet, dass in ihr nicht nur Handeln präsentiert wird, sondern zugleich Handlungsmöglichkeiten reflektiert werden. Entsprechend wird hier das Leiden des Titanen nicht nur vorgeführt, sondern zugleich reflektiert - einmal vom Mitleiden der anderen, vor allem aber in der Reflexion des Prometheus selbst. Der Titan überschreitet im Nachdenken sein eigenes Leiden und dringt zum Leid der Menschheit vor, das durch sein Handeln gemildert wird, indem er die Menschen zum Erkennen bringt. Der Zusammenhang von Leiden und Wissen wird dann so gewendet, dass jetzt die Erlösung vom Leiden durch Wissen möglich erscheint.
Prometheus befreit die Menschen, indem er sie zum Denken führt. Die Schritte dieser Befreiung sind im Sinne einer Kulturentstehungstheorie gedeutet worden. Wichtiger ist der Grundzug des Geschehens: die Überwindung des menschlichen Leidens durch das Wissen, das Prometheus erschließt. Er eröffnet ein Bewusstsein von Wahrnehmungen, durch die das Dasein erst zur menschlichen Existenz wird. Mit der unterscheidenden Hinsicht auf die Bahnen der Gestirne eröffnet er Orientierung. Er vermittelt die Kunstgriffe, die das menschliche Wissen ausmachen, in den elemenatren Symbolen von Sprache und Zahl. (...) Ausgehend von den eigenen Leiden, führt Prometheus die Reflexion über das Leid der Menschen zurück zu seiner eigenen Situation. Er selbst wird nicht erst durch Leiden zum Wissen gebracht, sondern er ist immer schon der Wissende (...) es bleibt das Bewusstsein einer autonomen Kraft des Wissens, die seine Selbstbefreiung möglich macht. Prometheus wird nicht befreit werden durch eine bloße Begnadigung des Zeus, sondern er wird befreit, weil er als Gott gegen Gott steht, nämlich sein Wissen gegen die macht des Zeus setzt.“
Doch erst im Jahrhundert nach Aischylos scheint dann der mythische Prometheus auch noch zum Menschenbildner geworden zu sein. Nun wird dem Töpfergott nachgesagt, er habe die Menschen aus Lehm und Tränen gebildet, sie dann mit der Fackel berührt, um ihnen ihren Anteil am Göttlichen - den Geist - zu verleihen, und ihnen schließlich von Athene die Seele einhauchen lassen. (Vgl. Mythos Prometheus 14).
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In Platons Dialog "Protagoras" erscheint Prometheus als jemand, der den Göttern zu Diensten war, als es galt, den durch göttliches Wirken geschaffenen Menschen auszustatten. Zuerst hatte sich des Prometheus Bruder Epimetheus eingemischt, und alle möglichen Fähigkeiten an die Tiere verschenkt, so dass für den Menschen nichts übrig bleib; hier nun war Prometheus eingesprungen und hatte dem Menschen von Hephaistos und Athene zusammen mit dem Feuer die technisch-praktische Intelligenz gestohlen, eine göttliche Gabe, die ihm zunächst nicht zugedacht gewesen war (Protagoras 320c-322d).
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Der satirische spätantike Schriftsteller Lukian lässt in einem seiner Dialoge ("Prometheus oder der Kaukasus", geschr. um 160 n. Chr.) den Götterboten Merkur den Vorwurf formulieren, Prometheus habe die Menschen gemacht - also "- eine Art von Tieren, die auf alle möglichen Ränke abgerichtet und alles zu unternehmen fähig sind" (nach Mythos Prometheus 188). Prometheus rechtfertigt sich mit seinen guten Absichten. Er hat die Menschen geschaffen, weil die Götter sie brauchen, doch als Kinder seines Geistes sind sie den Göttern zugleich gefährlich. Das in Lukians satirischem Text enthaltene Rezept zur Menschenschöpfung ist demjenigen ähnlich, das Hesiod in seinen "Werken und Tagen" erwähnte, um die Herstellung Pandoras durch Hephaistos zu beschreiben. Wiederum werden Erde und Wasser als Materie verwendet, und hinzu kommt göttlicher Beistand bei Lukian durch Minerva. Prometheus formt den Menschen bei Lukian mit eigener Hand - vermutlich im Rückgriff auf eine weniger bekannte Fassung des Prometheus-Mythos.
Insgesamt treten von Hesiod bis Lukian Hephaistos und Prometheus immer als Widersacher, Konkurrenten und zugleich als Kollegen auf.
Lukian geht mit dem mythologischen Stoff, an den er nicht mehr glaubt, respektlos um und spielt mit ihm - bis hin zur Parodie. In seinem Dialog "Prometheus und der Kaukasus" verwendet Lukian bereits einen Einfall, den später der junge Goethe aufgriff: Prometheus, der über seine Strafe spottet, statt zu klagen, fordert ironisch von den Göttern Dankbarkeit dafür, dass er den Menschen geschaffen habe. Gäbe es diese nicht, so würde niemand die Götter kennen und ihnen opfern. Und die armen Götter müssten sich aus Langeweile mit Ambrosia und Nektar füllen. Bei Lukian schon kommt die antireligiöse Idee in Spiel, dass nicht die Götter die Menschen, sondern die Menschen die Götter erschaffen - durch ihre Verehrung. Nicht nur auf Goethe, sondern sogar schon auf Nietzsches Proklamation vom Tod Gottes weist dies voraus. Lukians satirische Selbstrechtfertigung des Prometheus ist Reflexion über die Bedingtheit menschlicher Existenz ebenso wie über die Relativität göttlicher Ordnung. Alles könnte auch ganz anders sein - so die ironische Botschaft -, und alle moralischen Wertungen sind relativ. Relativ selbst sind Identitäten: Die Menschen wären ohne die Götter nicht da - aber Götter sind ohne die Menschen auch keine Götter.
LUKIAN
("Prometheus oder der Kaukasus", geschr. um 160 n. Chr.): Aus der
Rechtfertigung des von den Göttern befeindeten Prometheus im Gespräch mit
Merkur, dem Götterboten:
"Um nun ins klare zu setzen, ob ich Unrecht getan
habe, die Erde mit dieser neuen Art von Wesen auszuschmücken, bedarf es nur
einen Blick in die Zeiten zu werfen, wo außer den Göttern und himmlischen Wesen
sonst nichts Lebendes vorhanden war. Damals war die Erde noch eine wilde und
ungestaltete Lende, die über und über von Wäldern starrte. Die Götter hatten
weder Altäre noch Tempel; und wo hätten auch damals Prachtsäulen, Marmorbilder
und dergleichen herkommen sollen (...)? Ich also, der [ich] immer für das
gemeine Beste besorgt bin und darauf denke, wie das Interesse der Götter
befördert und überhaupt alles zu größerer Vollkommenheit gebracht werden könne,
überlegte bei mir selbst, dass ich nichts Besseres tun könnte, als ein wenig
Leimen zu nehmen und Tiere daraus zu bilden, die an Gestalt und Göttern ähnlich
wären. Denn ich dachte, es mangle der göttlichen Natur etwas, solange es nicht
auch sterbliche Wesen gebe, mit welchen sie sich vergleichen und dadurch ihre
eigenen Vorzüge desto besser fühlen könnten. Dieses neue Geschlecht sollte nur
sterblich, übrigens aber mit soviel Kunstfertigkeit, Verstand und Gefühl des
Schönen begabt sein, als mir möglich wäre." (nach Mythos Prometheus 193)
Dieser Monolog steht insgesamt im Zeichen der ironischen Relativierung: relativ erscheint die Existenz des Menschen, relativ die Göttlichkeit der Götter, und relativ auch die Glaubwürdigkeit von Prometheus' Argumentation, die Glaubwürdigkeit seiner Reklame für den Menschen als sein Produkt - denn schließlich muss er sich ja verteidigen und redet hier um seine eigene Haut. Besonders ironisch nimmt es sich aus, wenn er seine Schilderung des Akts der Menschenschöpfung als poetisches Zitat charakterisiert.
"Ich machte also, mit dem Dichter zu reden, aus
Erde und Wasser einen Teig, knetete ihn tüchtig durch und bildete mit Hülfe
Minervens, die ich gebeten hatte, an meiner Arbeit teilzunehmen, die Menschen
daraus." (Lukian: Prometheus. nach Mythos Prometheus 193)
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DER
KREATIVE PROMETHEUS. DER TITAN IN DER RENAISSANCE
Mit der Renaissance, in Ansätzen schon vorher, wird Prometheus zum Inbegriff des Künstlers. Der christliche Schriftsteller Laktanz hatte schon im 4. nachchristlichen Jahrhundert mit seiner Schrift "Divinae Institutiones" die Grundlagen dafür geschaffen. Laktanz sieht in dem antik-heidnischen Prometheus keinen Gott, sondern jemanden, der als Handwerker den biblischen Schöpfergott nachgeahmt habe. Letzterer habe den Menschen nach seinem Ebenbild geformt, und Prometheus habe vom natürlichen Menschen simulacra (also Abbilder) produziert. Wo Gott Erde (limus terra) als Materie nahm, verwendete Prometheus Ton - also dem Material der Bildhauer und Töpfer.
Horst Albert Glaser hat in einem Aufsatz über "Prometheus' Wanderungen aus der Antike in die Renaissance - und weiter" (In: Comparatistica. Annuario italiano. Hg. v. Enzo Caramaschi, 6. Jg. 1994. S. 3ff) den Zusammenhang zwischen der Befreiung des Prometheus von seiner Rolle als Gott und seiner "Karriere als Künstler" betont.
"Er [Prometheus) darf - seiner göttlichen Rolle
ledig - bei den Philosophen und Kunsttheoretikern der Renaissance eine Karriere
als Künstler antreten. Er ist Artifex und stellt simulacra her."
Der Maler Piero di Cosimo nimmt sich zwischen 1510 und 1515 des Prometheus-Motivs an; es entstehen die Prometheus-Cassoni. Hier werden zwei Arten der Menschenschöpfung einander gegenübergestellt: Epimetheus verfährt mechanisch, Prometheus beseelend. Die Werke beider Brüder sind in den Gemälden Piero di Cosimos als Statuen dargestellt; die von Prometheus geschaffene Statue wird dabei aber durch einen göttlichen Funken erleuchtet. Prometheus hat ihn - Anspielung auf den Mythos vom Feuerbringer - vom Himmel geholt, und zwar mit Minervas Unterstützung. Der in der Renaissance intensiv fortwirkenden Lehre Plotins zufolge besteht ein Zusammenhang zwischen dem Licht der Sonne und der Beseelung des Menschen. Während sich das Werk des Epimetheus - der von keinem Lebensfunken beseelte Mensch - zur Erde niederbeugt, geht der Mensch des Prometheus aufrecht; er ist mehr als ein Simulacrum, ist ein richtiger Mensch, dem Höheren zugekehrt, aus dem sein Leben sich ableitet. Schon Piero di Cosimo neigt offenbar dazu, Prometheus wieder in die Rolle eines gottgleichen Schöpfers einzusetzen: Prometheus, der inzwischen ja Repräsentant des Künstlertums ist - und dessen Ruhm auf dieses seinen Glanz wirft. Denn einerseits kann man die Abdankung von der göttlichen Rolle tatsächlich als Bedingung für die neue Rolle des Prometheus als Künstler sehen. Andererseits wird nie vergessen, dass er ein abgedankter Gott ist. In späteren Zeiten, da der Künstler für sich beansprucht, ein zweiter Schöpfer zu sein, der nicht die Natur nachahmt, sondern "der" Natur nachahmt (um es mit Klopstocks späterer Differenzierung zu sagen), der also ein dem göttlichen Werk analoges Werk vollbringt, da bekräftigt sich dieser emphatische Anspruch gerade im Zeichen des Namens Prometheus: Prometheus unter Jupiter - ein zweiter Schöpfer: so charakterisiert im 18. Jh. dann Shaftesbury den Künstler (dazu später noch ein Zitat).
Das von Prometheus vom Himmel geholte Feuer spielt in den Auslegungen des Mythos auch und gerade vom Menschenschöpfer Prometheus eine wichtige Rolle. Man konnte es in den Spuren Platons und Plotins als göttliches Feuer deuten, mit dessen Hilfe die Erdengeschöpfe belebt und beseelt wurden; diese Deutung besitzt eine stark christliche Prägung, insofern hier das Feuer den alles belebenden Geist vertritt (der ja im alttestamentarisch-jüdischen Schöpfungsmythos durch den Atem symbolisiert wird); der Prometheus-Maythos wird also mit der Lehre vom die Welt durchwaltenden Logos verknüpft.
Eine anders akzentuierte Auslegung erhält das Feuer des Prometheus durch den englischen Naturwissenschaftler und Philosophen Francis Bacon, der den Mythos vor allem in seiner Schrift "De sapientia veterum" (Von der Weisheit der Alten) von 1609 interpretiert. Für ihn symbolisiert das Feuer das natürliche Licht (lumen naturale), das Licht des Verstandes, der den Menschen vor anderen Geschöpfen auszeichnet. Diesen Verstand braucht der Mensch, um zu überleben, seine Bedürfnisse zu befriedigen und sein Dasein auf Erden zu sichern Das lumen naturale ist Grundlage der Selbsterhaltung und der Erweiterung menschlicher Handlungsmöglichkeiten. Bacon schildert den Menschen fast schon als das, was die Anthropologie unseres Jahrhunderts "Mängelwesen" (Arnold Gehlen) genannt hat. Wenn Prometheus diesen Zustand durch das Feuer zu kompensieren hilft, dann sind sowohl das lumen naturale, also der technisch-handwerkliche Verstand, als auch das konkrete Feuer als nützliches Hilfsmittel gemeint.
Bacon schreibt Prometheus zwar - im Widerspruch zur christlichen Auffassung - sogar die Schöpfung der Menschen selbst zu, doch dies steht in seiner Mythendeutung nicht im Vordergrund; viel wichtiger ist ihm die Überbringung des Feuers, die er als Stiftungsakt der Handwerkskünste und Wissenschaften versteht. (Bei Aischylos war Prometheus bereits Schutzpatron und Vorbild der Handwerker gewesen.)
"Dennoch sehen wir, dass der Mensch bei seinem
Ursprung wehrlos und nackt ist, unfähig, sich selbst zu helfen und daher auf
zahlreiche Dinge angewiesen ist. Deshalb beschleunigte Prometheus die Erfindung
des Feuers, das bei fast allen menschlichen Bedürfnissen Linderung und Abhilfe
schafft. Denn wenn die Seele die Form aller Formen und die Hand das Werkzeug
aller Werkzeuge ist, dann darf man das Feuer den Helfer aller Helfer und die
Kraft aller Kräfte nennen, das in vielfältiger Weise jegliche Verrichtungen und
Handwerke(,) selbst die Wissenschaften unterstützt und befördert." (Francis
Bacon: Weisheit der Alten. Übers.: M. Münkler. Frankfurt 1990)
Die Menschen sind Kulturwesen, welche die Wirklichkeit in der und mittels der sie leben, selbst erzeugen, was sich in der Beherrschung des Feuers zugleich manifestiert und symbolisiert. Durch ihren Verstand werden die Menschen zum Mittelpunkt der Schöpfung, die in seiner Darstellung offenbar erst durch das Wirken des verständigen Menschen wirklich zur geordneten Schöpfung, zum Kosmos, wird. Über die eigentliche Bedeutung des Prometheus-Mythos bemerkt Bacon:
"Das Hauptziel der Allegorie scheint zu sein, dass
der Mensch, wenn wir auf die Zweckursachen blicken, als der Mittelpunkt der
Welt betrachtet werden kann, und zwar derart, dass, wenn der Mensch aus der
Welt genommen würde, der Rest völlig verstreut erscheinen würde, ohne Ziel und
Zweck und zu nichts führen würde. Denn das ganze Universum dient dem Menschen,
und es gibt nichts, woraus er nicht seinen Nutzen und seine Früchte
zieht." (Weisheit der Alten, S. 63)
"Pflanzen und Tiere sind dazu geschaffen, ihn mit
Wohnung und Unterkunft, Nahrung und Heilmitteln zu versorgen, seine Arbeit zu
erleichtern oder ihn zu erfreuen und zu erfrischen, so dass alle Dinge sich um
den Menschen und nicht um sich selbst zu drehen scheinen." (S. 63)
Der Anthropozentrismus der Renaissance kommt hier zu unmissverständlichem Ausdruck; alles ist um seines Wohls willen da; die Welt ist sein Eigentum. Damit verbindet sich die Aufforderung, die Welt zu beherrschen. Die Schattenseiten dieser Einstellung und die Problematik eines solchen Anthropozentrismus im Zeichen des Willens zur Beherrschung der Natur sind erst späteren Zeiten bewusst geworden.
Bacons Auslegung des prometheischen Feuers durch seine Akzentuierung des lumen naturale radikalisiert nicht zuletzt die früheren "pädagogischen" Auslegungen des Mythos. Der Prometheus-Mythos wird zum Katalysator, um vom Menschen die Ausbildung der in ihm angelegten Potentiale, die Bildung seiner selbst zu fordern, um ihn dazu zu autorisieren, sich selber hervorzubringen, sich selbst in der Schöpferrolle zu sehen.
Die Vision einer perfekten oder doch prinzipiell perfektiblen Beherrschung der Natur hat Francis Bacon in einer anderen Schrift von 1624 thematisiert: in seiner utopischen Schrift über "Neu-Atlantis". Hier schildert er eine technische Institution, das so genannte "Haus des Salomon", in der alles naturkundliche und technische Wissen der gedachten Zukunft in experimentelle und praktische Arbeit einfließt. Die Natur ist vollständig unterworfen worden. Man verbessert sie durch Erfindungen, greift ein in den natürlichen Ablauf der Dinge, erzeugt künstlich Regen und Schnee, baut Gefährte für Luft und Seereisen. Und man züchtet neue Arten von Wesen, genauer gesagt: Tiere und Pflanzen. Das Verfahren einer Nachschöpfung der Natur wird relativ detailliert geschildert. Bacons Text stellt einen Vorläufer zeitgenössischer Science-Fiction dar. Parallelen ergeben sich zu den Experimenten, die auf Doktor Moreaus Insel oder aber in der Schönen Neuen Welt angestellt werden. Was in den letztgenannten Texten allerdings als eindeutig negativ akzentuierte Schilderung einer vermessenen und destruktiven Beherrschung, ja Verformung von Natur gemeint ist, liest sich bei Bacon noch wie eine Wissenschaftsutopie.
"Wir sind auch imstande, Kreuzungen und Paarungen
verschiedener Tierarten zu erzielen, um so neue Arten hervorzubringen, die - im
Gegensatz zur allgemeinen Anschauung - nicht etwa unfruchtbar sind. Außerdem
erzeugen wir unter Zuhilfenahme von Verwesungsvorgängen verschiedene Arten von
Schlangen, Würmern, Fliegen und Fischen, von denen sich manche zu ebenso
vollkommenen Arten entwickeln wie Vögel oder Vierfüßler oder andere Fische; sie
sind auch geschlechtliche Wesen und pflanzen sich fort. Und zwar lassen wir uns
bei diesen Versuchen nicht vom Zufall leiten, sondern wissen sehr wohl, von
welchen Stoffen wir ausgehen müssen und welche Tiere wir so erzeugen
können." (Neu-Atlantis, übers. v. G. Bugge. Stuttgart 1982, S. 47)
"Wir erzielen dabei zahlreiche wunderbare
Wirkungen, wie die Erhaltung des Lebens trotz Verlustes oder Entfernung
verschiedener von euch als lebenswichtig angesehener Organe, die Wiederbelebung
Scheintoter und ähnliches." (S. 47)
Das Projekt einer künstlichen Menschenschöpfung malt Bacon seinen Lesern in diesem Zusammenhang nicht aus - gewiss nur deshalb, weil man es für blasphemisch gehalten hätte, sicher jedoch nicht etwa, weil er es sich nicht hätte vorstellen können. H. A. Glaser hat Bacons "Haus Salomons" als Vorläufer der Frankenstein-Laboratoriums interpretiert. Und er weist zu Recht auf die Schilderung der "Brave New World" bei Aldous Huxley hin.
In seiner 1609 veröffentlichten Schrift über Prometheus ("Prometheus oder die Situation des Menschen") geht der englische Philosoph und Naturforscher Francis Bacon auf den Mythos vom Menschenbildner Prometheus ein und interpretiert ihn als Allegorie.
"Die Alten berichten, die Menschen seien von
Prometheus aus Lehm erschaffen worden, nur dass er darunter Teile von
verschiedenen Tieren mischte. Um sein Werk zu befördern und zu beschützen und
um nicht nur als Begründer, sondern auch als Verbesserer und Vermehrer des
Menschengeschlechts zu gelten, schlich er sich mit einem Bündel Birkenreiser in
der Hand in den Himmel, entzündete es am Sonnenwagen, brachte das Feuer zur
Erde und zeigte den Menschen seinen Gebrauch." (Nach Mythos Prometheus
67)
Bacon referiert im folgenden eine andere Version des Mythos, derzufolge die undankbaren Menschen selbst Prometheus bei Zeus verklagten, Zeus ihnen hingegen aus freien Stücken den Gebrauch des Feuers gestattete, berichtet dann von der Erschaffung der Pandora und deren Folgen, sowie von der harten Bestrafung des Prometheus und dessen schließlichem Ende, um schließlich auf den allegorischen Sinn des Schöpfungsmythos um den Menschenbildner Prometheus zu sprechen zu kommen:
"Prometheus repräsentiert klar und eindeutig die
Vorsehung und das einzige, was die Alten als das besondere und eigentümliche
Werk der Vorsehung betrachtet haben, nämlich die Erschaffung und Begabung des
Menschen. Der Grund dafür war zweifellos, dass das Wesen des Menschen (hominis
natura) den Geist (mens) und den Intellekt (intellectus), der der Sitz der
Vorsehung ist, in sich schließt, und da es hart und unglaublich wäre, die
Vernunft und den Geist (rationem et mentem) aus grausamen und irrationalen
Prinzipien abzuleiten, folgt daher nahezu notwendig, dass der menschliche Geist
nicht ohne das Vorbild, die Absicht und den Schutz der höheren Vorsehung
ausgestattet worden ist. (...) Das Hauptziel der Allegorie scheint zu sein, dass
der Mensch, wenn wir auf die Zweckursachen blicken, als der Mittelpunkt der
Welt betrachtet / (70) werden kann, und zwar derart, dass, wenn der Mensch aus
der Welt genommen würde, der Rest völlig verstreut erscheinen würde (...).
Nicht ohne Grund wird auch hinzugefügt, dass in der Masse und dem Stoff, aus
dem der Mensch zusammengefügt wurde, Teile verschiedener Tiere hinzugefügt und
mit Lehm vermischt wurden, denn es ist gewiss, dass von allen Gegenständen des
Universums der Mensch der am meisten zusammengesetzte ist, so dass ihn die
Alten nicht ohne Grund als Mikrokosmos bezeichneten." (Francis Bacon,
Nach: Mythos Prometheus 69f.)
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DER FEUERBRINGER
Seit der Antike wird das von Prometheus gebrachte Feuer als Symbol verstanden: in ihm drückt sich der göttliche Funke des Geistes aus, den erst die prometheische Tat in den zuvor halb tierischen Menschen entzündet habe.
Diese Lesart findet sich vor allem bei Boccaccio in der Mitte des 14. Jhs. In seiner genealogia deorum wird der christliche Gott zum eigentlichen Menschenschöpfer erklärt, der entsprechende Prometheus-Mythos zur poetischen Fabel. Allerdings zu einer mit tieferem Sinn, denn man könne Gott selbst Prometheus, den ersten Prometheus, nennen, während jener zweite - Prometheus alter - für Intellekt und Kultur des Menschen zuständig gewesen sei Boccaccio synthetisiert die doppelte Vorstellung eines Menschenschöpfers und eines Kulturstifters zum Konzept eines doppelten Prometheus (Prometheus duplex). Dessen Produkt darf dann homo duplex heißen. Habe der erste Prometheus den homo naturalis geschaffen, so habe der zweite den homo civilis hervorgebracht. Beide Leistungen sind für Boccaccio gleichwertig; Bildung wird damit zur zweiten Menschwerdung erklärt. Damit relativiert sich die Tat des christlichen Gottes: sie ist nur der Anfang, der auf anderer Ebene - im Bildungsprozess - fortgesetzt werden muss. Der Mensch selbst als zur Kultur bestimmtes, den bloßen Naturzustand überragendes Wesen, muss seine eigene Schöpfung fortsetzen - dies ist das eigentliche Programm des Boccaccio. Indem er sich bildet, setzt er das göttliche Schöpfungswerk fort - als sein eigener Prometheus gleichsam. Der mythische Prometheus ist Symbolfigur des Menschenbildners im Sinne der moralischen und intellektuellen Erziehung - ein Pädagoge also. Der Prozess der "kunstreichen" Schöpfung des Menschen wird zum Gleichnis von Menschen-Bildung im umfassenden Sinn. Diverse Autoren der Renaissance greifen diesen Grundgedanken auf.
Bei dem Philosophen Marsilio Ficino (15. Jh.) zeichnet sich der Gedanke einer Gottähnlichkeit des Menschen ab. Prometheus sei zwar ein Mensch gewesen, könne aber als ein irdischer Gott interpretiert werden.
Trotz der Faszination der Renaissance durch die Gestalt des Prometheus wird ihm nun abgesprochen, den Menschen konkret geschaffen zu haben; diese Schöpferrolle war ja inzwischen dem christlichen Gott vorbehalten (während Lukian Prometheus noch, freilich eher scherzhaft, als Menschenschöpfer hatte gelten lassen). Die einschlägigen mythologischen Berichte müssen als Allegorien interpretiert werden, so die Idee der spätlateinischen Autoren (Laktanz, Fulgentius); Prometheus wird zur Gestalt, die den allmächtigen Schöpfergott symbolisiert, nicht aber mit diesem identisch ist.
Die Prometheus-Figur bekommt im Laufe der Geschichte manche Bedeutung; vor allem immer wieder die, zur Reflexion über das Wesen des Menschen, seine Beziehung zu Gott und seine Verpflichtung sich selbst gegenüber zu stimulieren.
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KULTURSTIFTUNG
Dieter Bremer, S. 37 (Prometheus, in: Prometheus,
Mythos der Kultur): „Prometheus führt die Menschen auf den Weg zu einer
Erkenntnis, die das theoretische, praktische und technische Weltverhalten
kennzeichnet. Der Leitbegriff für das, was er den Menschen vermittelt, ist
techne - Technik als Inbegriff der produktiven Fähigkeit, die in der Verbindung
mit den sophismata, den Kunstgriffen des Wissens, und den mechanemata, den
technisch-praktischen Hilfsmitteln und Vorrichtungen, die Weltstellung des
Menschen bestimmt. Der Titan bringt den Menschen auf den Weg zum Wissen und
Können, und d.h. hier vor allem auf den Weg zu den technischen Fähigkeiten der
Weltveränderung. Zusammenfassend kann er von seinen Leistungen sagen: ‘Alle
Technik haben die Sterblichen von Prometheus her’ (V. 506). Damit ist der Akt
der universalen Kulturstiftung benannt, der den Menschen erst eigentlich zum
Menschen macht.“
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PASSION UND REBELLION: PROTOTYP FÜR CHRISTUS UND
LUZIFER
Wolfgang Storch, Einleitung in Mythos Prometheus, S.
14: „Die große Form der Passion, die Aischylos zum ersten Mal gewonnen hatte,
bliebt ein Vermächtnis. Sie würde fünfhundert Jahre später aufgenommen in die
Stiftung der christlichen Religion durch Paulus. Es ist das Leiden, das hilft,
die Welt zu überwunden. Als Prometheus aus dem Tartaros zurückgekehrt, an den
Kaukasus geschlagen ist, dem Adler ausgesetzt, der seine Leber frisst, gesteht
er: ‘So bin ich von mir selbst im Stiche gelassen und muss angstvolles Unheil
auf mich nehmen und suche mit Sehnsucht den Tod als das Ende meiner Leiden.
Aber auch vom Sterben werde ich durch die Macht des Zeus weit ferngehalten.’
(aus dem Befreiten Prometheus von Aischylos, zitiert von Cicero in den
‘Gesprächen in Tusculum’. Zweites Buch, 25, Gigon). Es ist die Menschwerdung
des Prometheus, sein Durchgang durch den Tod. Dahin hat Zeus ihn geführt, dass
alle Hybris von ihm abfällt, dass er wird wie die, für die er gekämpft hat. /
Der Weg, den Prometheus gewählt hatte, wurde im Gegenbild von Christus, dem
Sohn Gottes, der Menschensohn wurde, zum Grundthema der abendländischen Kunst.
So war es in späteren Zeiten möglich, die Gestalt des Prometheus wieder
aufleben zu lassen - im Sinne einer bestärkenden Wiedergewinnung von Christus
(...)
Durch Hesiods Darstellung erhielt sich auch das
Gegenbild des Luzifer in der Figur. Und damit die andere Erzählweise von der
Aussetzung der Menschen - gelesen gegen den Bericht vom Sündenfall in der
Bibel, der Vertreibung aus dem Paradies. Wie es Friedrich Nietzsche
formulierte, wenn er als die Tugend des Prometheus die ‘aktive Sünde’ erkannte
und darin ‘die Rechtfertigung des menschlichen Übels, und zwar sowohl der
menschlichen Schuld als des dadurch verwirkten Leidens’.“ (Storch 14f.)
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MENSCHENSCHÖPFUNG
Schon der christliche Theologe Lactantius stellt um 315 eine metaphorische Beziehung zwischen der mythisch bezeugten Menschenschöpfung durch Prometheus und dem Prozess künstlerischer Arbeit her. Als Christ kann er natürlich nicht gelten lassen, dass Prometheus den Menschen wirklich geschaffen habe; die Wahrheit des entsprechenden Mythos sieht er in dessen Gleichnischarakter: als Bericht über gelungenes künstlerisches Tun.
"Da trat Prometheus auf, um das Abbild des
Menschen aus fettem Lehm zu gestalten; und er tat es so lebenswahr, dass die
Neuheit und Feinheit der Kunst Verwunderung erregte. Darum haben ihn seine
Zeitgenossen und nachher die Dichter für den Bildner des wahren und lebendigen
Menschen ausgegeben, gleichwie auch wir zum Lob kunstreich gefertigter Bilder
sagen, dass sie leben und atmen." (Göttliche Unterweisung, 20. Kap.,
nach Mythos Prometheus, 91)
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In der Romantik nimmt die Literatur ein vertieftes Interesse an der Prometheus-Gestalt; man interessiert sich für den Aufrührer und Empörer gegen Gott. A.W. Schlegel widmet ihm eine epische Versdichtung (1797), Lord Byron thematisiert ihn in seiner Lyrik (1816). Longfellow heroisiert Prometheus ebenso wie Shelley in seinem Drama "Prometheus unbound" von 1820). Den Aufrührer schildern auch Coleridge (1820), E. Quinet (1838), A. Paquet (1838) und E. Grenier (1857); eine ganze Reihe weiterer literarischer Autoren wäre zu nennen. Im späten 19. und im 20. Jahrhundert setzt sich diese Reihe fort. Genannt seien nur Karl Spittelers Drama "Prometheus und Epimetheus" (1880/81), André Gides symbolische Groteske "Le prométhée mal enchainé" (1899) und je ein Prometheus-Drama von N. Kazantzakis (1945) und Heiner Müller (1969). Carl Orff legte den Stoff 1968 einer Oper zugrunde.
Als Beispiel für die Deutung des Prometheus als Inbegriff des heroischen Rebellen, dessen Größe ihn zum Einzelgänger und Außenseiter macht - wodurch er nicht zuletzt zum Vorbild des romantischen Künstlers wird - noch einige Bemerkungen zur Prometheus-Ode von George Lord Byron (deutsche Übersetzung in Mythos Prometheus 203/05) von 1816.
„Thou art a symbol and a sign
To Mortals of their fate and force;
Like thee, Man is in part divine,
A troubled stream from a pure source.
And Man in portions can foresee
His own funereal destiny;
His wretchedness, and his resistance,
And his sad unallied existence:
To which his Spirit may oppose
Utself - and equal to all woes,
And a firm will, and a deep sense,
Which even in torture can descry?
Its own concentred recompende,
Triumphant where it dares defy,
And making Death a Victory.“
Percy
Bysshe SHELLEY: Prometheus Unbound (Der entfesselte Prometheus), Vorwort:
„Die griechischen Tragödiendichter verfuhren, indem
sie irgendeinen Teil ihrer nationalen Geschichte oder Mythologie als Gegenstand
wählten, in seiner Behandlung mit einer gewissen eigenmächtigen Freiheit. Sie
hielten sich keineswegs für verpflichtet, an der üblichen Interpretation
festzuhalten oder hinsichtlich Fabel und Titel ihre Rivalen und Vorgänger zu
imitieren. Eine solche Methode hätte Preisgabe jenes Anspruchs auf höhere
Wertschätzung bedeutet, welche den Anreiz für die Dichtung bildete. Die
Geschichte Agamemnons wurde auf dem athenischen Theater in ebenso vielen
Varianten dargeboten, wie es Dramen dazu gab. / Ich habe mir eine ähnliche
Freiheit erlaubt. Der ‘Entfesselte Prometheus’ des Äschylus setzte die
Versöhnung Jupiters mit seinem Opfer als Preis für die Enthüllung der Gefahr
voraus, die seiner Herrschaft durch den Vollzug der Ehe mit Thetis angedroht
war. (...) Hätte ich eine Geschichte nach diesem Muster gestaltet, so würde ich
nichts weiter versucht haben, als das verloren gegangene Drama des Äschylus
wiederherzustellen (...). In Wahrheit aber empfand ich eine Abneigung gegen
eine so schwache Katastrophe wie die der Versöhnung des Vorkämpfers der
Menschheit mit ihrem Unterdrücker.“
Percy Bysshe Shelley
(1792-1822): „Prometheus unbound“. Lyrisches
Drama in vier Akten, verfasst in Italien 1818/19, publ. 1820.
Shelley
hatte sich nachweislich seit 1812 mit dem Prometheus-Stoff befasst. Während der
Arbeit am ‘Prometheus’ las er u.a. gründlich Platons Werke. Er versucht sich in
seinem „Prometheus“-Drama an einer Verbindung von Dichtung und Philosophie,
verknüpft mit politischen Themen, mit Fragen der Anthropologie und Metaphysik.
Anknüpfend an Platon, Locke, d’Holbach, Berkeley reflektiert er die Beziehung
zwischen Geist und Materie. Kritisch erörtert wird die Idee eines
anthropomorphen Schöpfers, kritisch reflektiert auch die christliche Ethik - so
wie die christliche Lehre überhaupt, der unter Beibehaltung wichtiger
christlicher Werte wie insbesondere der liebenden Bereitschaft zum Verzicht auf
Rache doch insgesamt eine pantheistische ‘Weltseelen’-Konzeption
entgegengesetzt wird. Die ethische Thematik von Freiheit und Determination wird
aufgegriffen, indem nach den Ursachen der Veränderung in der Welt gefragt wird.
Von William Godwin inspiriert ist die Idee der Perfektibilität des Menschen. Das
Stück Shelleys ist ein Lesedrama. man hat es wegen seiner ethischen Ideen zu
einem ‘heiligen Buch’ erklärt, aber auch seine dramatischen Schwächen
kritisiert, welche daraus resultieren, dass sich Entscheidendes im Inneren der
Figuren abspielt. Auch die allegorisierende Tendenz Shelleys ist kritisiert
worden - wie auf der anderen Seite die Kraft seiner Bilder Bewunderung geerntet
hat. Szenen und einzelne Textabschnitte sind vertont worden.
Shelley
bemüht sich um eine Synthese aus antiken Mythen, moderner Naturauffassung und
romantischer Imagination. Er ist einem romantischen Mythenkonzept verpflichtet,
das in Mythen den zeitübergreifenden Ausdruck von generellen Wahrheiten sah,
welche vor allem den Menschen und sein Schicksal betreffen.
Formal
kombiniert er den Blankvers mit freieren lyrischen Formen, mit Liedern und
Chor-Dialogen.
Dem
Drama ist ein Vorwort vorangestellt, in dem Shelley seine literarischen
Vorläufer einer kritischen Revision unterzieht; Aischylos und Hesiod hätten wie
die meisten übrigen antiken Autoren Prometheus als Rebellen gezeichnet und ihm
die Schuld am Konflikt mit Zeus zugewiesen, sie hätten implizit oder explizit
Umkehr und Unterwerfung von ihm verlangt. Dagegen setzt Shelley sein Bild von
Prometheus als einem Titanen der Menschheit, als Personifikation „höchster
Vollkommenheit der moralischen und geistigen Natur“, der zu Recht gegen
Jupiters Willkür aufbegehrt habe. Shelley vergleich seinen Prometheus mit
Miltons Satan, der ähnlich rebellisch gewesen sei, doch aus minder hohen Motiven.
Mit
dem ersten Akt bleibt Shelleys Prometheus noch nahe an der antiken mythischen
Überlieferung. Prometheus ist an den kaukasischen Felsen gekettet und spricht
in einem langen Monolog über seine Leiden, denen er stoisch duldend begegnet,
während er ihre Grausamkeit schildert. Er verflucht Jupiter, vergebens jedoch
bittet er die Stimmen der Berge, der Quellen, der Luft und des Windes, seine
Worte zu wiederholen. „Mutter Erde“ schaltet sich sorgend ein, und aus dem
Reich der Schatten, Träume und Gedanken wird das Phantom Jupiters
heraufbeschworen, das den Fluch selbst wiederholen muss. Prometheus traut
seinen Ohren nicht und widerruft, da er nun den destruktiven Prinzipien von
Rache und Vergeltung entsagt. Damit wird - gespiegelt im Anbruch eines neuen
Morgens - ein neues Zeitalter angekündigt, dessen Vorreiter er ist. Hier
gewinnt er Ähnlichkeit mit einer Christus-Figur.
Sein
(auch der mythischen Überlieferung bekanntes) Geheimnis - das geheime Wissen
über Jupiters Zukunft - behält er für sich, obwohl der Götterbote Merkur und
bedrohliche Furien ihn bedrängen (letztere sind deutbar als Projektionen
selbstzerstörerischer Kräfte der Seele). Jupiter wird gestützt werden, dem
Gesetz der Notwendigkeit folgend, und Prometheus sieht dies voraus.
Prometheus
ist tief bekümmert um die Menschheit, die nach Erkenntnis, Freiheit, Erlösung,
Liebe strebt, und unter der Unerfüllbarkeit des von ihm selbst, Prometheus,
stimulierten Sehnens leidet.
Zu
ihm gesellen sich die Okeaniden Panthea und Ione, die düsteren Bilder treten damit
zurück. Er selbst beginnt auf eine
Erfüllung seiner Ziele durch die Kraft der Liebe zu hoffen und erinnert sich an
seine Geliebte Asia, die Personifikation der Liebe und des Lebens. Asia wird Prometheus
in seinem Kampf gegen den Gott des Bösen, gegen Jupiter unterstützen.
Im
zweiten Akt wird Asia gezeigt, die in einem frühlingshaften Tal des Kaukasus
auf ihre Verbindung mit Prometheus hofft. Panthea berichtet von einem Traum
Asias, der die Vergöttlichung des Titanen Prometheus verheißen hat. Echostimmen
und andere Zeichen treiben die beiden Meertöchter zur Suche nach tieferer
Einsicht an. Sie gelangen in die Unterwelt, wo der Demogorgon, Jupiters Sohn,
in seiner vulkanischen Höhle tätig ist. In ihm personifiziert sich das Prinzip
der Notwendigkeit, aus dem alle Veränderungen in der Welt resultieren.
Demogorgon selbst kann jedoch immer erst dann tätig werden, wenn sich ein
Willensträger zum Guten oder Bösen hingewandt hat. Eine solche Wendung hat sich
nunmehr mit dem Wandel des Prometheus vom haßerfüllten zum liebenden Titanen
vollzogen. Dadurch kann Demogorgon Jupiter im dritten Akt Jupiter vom Thron
stürzen, wo dieser sich selbstgefällig präsentiert hat.
Herkules
befreit Prometheus, doch der Befreite übernimmt nicht den Thron Jupiters,
sondern vereinigt sich mit Asia und zieht mit ihr in eine Waldeshöhle, um aus
der Distanz das Menschengeschlecht zu beobachten und an ihm teilzunehmen.
Dieses ist zwar immer noch der Sterblichkeit unterworfen, hat den sklavischen
Geist aber abgeworfen.
Im
vierten Akt entfernt sich Shelley noch weiter von der mythischen Überlieferung
und schließt an die Tradition des elisabethanischen Maskenspiels an. Die
Elementarwesen und die Geister der Stunden treten auf, tanzen, singen und
sprechen zueinander, um die erlösende Tat des Prometheus hervorzuheben. Erde
und Mond beugen sich vor der universalen Liebe.
Friedrich Wilhelm Joseph v. SCHELLING: „Einleitung in die
Philosophie der Mythologie“, publ. 1856:
„Prometheus ist kein Gedanke, den ein Mensch erfunden, er ist einer der Urgedanken, die sich selbst ins Dasein drängen und folgerecht entwickeln, wenn sie, wie Prometheus im Aeschylos, in einem tiefsinnigen Geist die Stätte dazu finden. Prometheus ist der Gedanke, in dem das Menschengeschlecht, nachdem es die ganze Götterwelt aus seinem Innern hervorgebracht, auf sich selbst zurückkehrend, seiner selbst und des eigenen Schicksals bewusst wurde (das Unselige des Götterglaubens gefühlt hat).
Prometheus ist jenes Princip der Menschheit, das wir den Geist genannt haben; den zuvor Geistesschwachen gab er Verstand und Bewußtseyn in die Seele.“
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DICHTERTUM
Anthony Ashley
Cooper, Earl of SHAFTESBURY: "Characteristics" (1. Buch, 3.
Kap., veröffentlicht 1711).
"Allein der Mann, der den Namen des Dichters
wahrhaftig und im eigentlichen Sinne verdient und der als ein wirklicher
Baumeister in seiner Art sowohl Menschen als auch Sitten schildern und einer
Handlung ihren wahren Körper, ihre richtigen Proportionen geben kann, ist, wenn
ich mich nicht irre, ein ganz anderes Geschöpf. Ein solcher Dichter ist in der
Tat ein zweiter Schöpfer; ein wahrer Prometheus unter Jupiter. Wie jener
allerhöchste Werkmeister oder jene allgemein bildende Natur schafft er ein
Ganzes, stimmig und wohlausgewogen in sich selbst, in allen Bestandteilen
gehörig an- und zugeordnet. Er bezeichnet die Grenzen der Leidenschaften und
kennt ihre genauen Tönungen und Maße; weshalb er sie richtig darstellt, das
Erhabene der Gesinnungen und Handlungen herausstellt, das Schöne vom Hässlichen,
das Liebenswürdige vom Hassenswerten unterscheidet. Der sittliche Künstler, der
so den Schöpfer nachahmen kann und so mit der inneren Gestalt und dem inneren Gefüge
seiner Mitgeschöpfe vertraut ist, wird schwerlich, wie ich vermute, ohne
Selbstkenntnis und unbekannt mit jenen Wohlklängen sein, welche die Harmonie
der Seele ausmachen." (Nach Mythos Prometheus 98)
Der Dichter erscheint hier als Schöpfer in
uneingeschränktem Sinn: Er rückt in die Nähe des Weltschöpfers, und das heißt,
sein Werk kann sich mit der Weltschöpfung selbst vergleichen. Damit sind die
Weichen gestellt für die Herausbildung eines dichterischen Selbstbewusstseins,
das sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bei verschiedenen Autoren
artikuliert. Goethes „Prometheus“ ist das bekannteste Beispiel:
GOETHE: PROMETHEUS
Bedecke deinen Himmel, Zeus,
mit Wolkendunst
Und übe, dem Knaben gleich,
der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöhn;
Musst mir meine Erde
Doch lassen stehn -
Und meine Hütte, die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.
Ich kenne nichts Ärmeres
Unter der Sonn, als Euch, Götter!
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät, -
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.
Da ich ein Kind war,
Nicht wusste, wo aus noch ein,
Kehrt ich mein verirrtes Auge
Zur Sonne, als wenn drüber wär
Ein Ohr, zu hören meine Klage,
Ein Herz wie meins,
Sich des Bedrängten zu erbarmen.
Wer half mir
Wider der Titanen Übermut?
Wer rettete vom Tode mich,
Von Sklaverei?
Hast du nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühendes Herz?
Und glühtest jung und gut,
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden da droben?
Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Hast du die Tränen gestillet
Je des Geängsteten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal,
Meine Herrn und deine?.
Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehen,
Weil nicht alle
Blütenträume reiften?
Hier sitz ich, forme Menschen
Nach meinem Bild,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, zu weinen,
Zu genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten
Wie ich!"
(Nach der Reclamausgabe: Goethe: Gedichte, S. 35-37.)
Diese Hymne entstand vermutlich im Sommer 1773; Goethe arbeitete damals an einem Prometheus-Drama. Da er vor einer Publikation des provozierenden Gedichttextes zurückscheute, blieb dieser einige Zeit nur seinem Freundeskreis bekannt. Lessing äußerte sich anerkennend darüber, und der Philosoph und Literat Friedrich Heinrich Jacobi nahm den Text Goethes in eine eigene theologische Streitschrift ("Über die Lehre des Spinoza in Briefen an den Herrn Moses Mendelssohn", 1785) auf. Er fürchtete aber, man könne wegen des "Prometheus" seine Schrift an manchen Orten konfiszieren, und ließ das Gedicht daher auf ein leicht entfernbares loses Blatt drucken.
Nietzsche hat in seiner 1871 erschienen Schrift über "Die Geburt der Tragödie" (9. Kapitel) von einer "Glorie der Activität" gesprochen und den Goetheschen Hymnus als Deklaration des menschlichen Willens zur Selbstbildung interpretiert.
"Der Mensch, in's Titantische sich steigernd,
erkämpft sich selbst seine Cultur und zwingt die Götter sich mit ihm zu
verbinden, weil er in seiner selbsteigenen Weisheit die Existenz und die
Schranken derselben in seiner Hand hat." (Nach Mythos Prometheus 149)
In einer Art Radikalisierung des Goetheschen Gedankens sieht Nietzsche in "Die fröhliche Wissenschaft" (publ. 1882) die Götter wie das Feuer als Schöpfungen des prometheischen Menschen selbst: hervorgebracht gemäß dem Bedürfnis, an etwas glauben zu dürfen - und als Ausdruck menschlichen Sehnens gleichsam als Spiegelbild des menschlichen Schöpfers selbst.
"Musste Prometheus erst wähnen, das Licht
gestohlen zu haben und dafür büssen, - um endlich zu entdecken, dass er das
Licht geschaffen habe, indem er nach dem Lichte begehrte, und dass nicht nur
der Mensch, sondern auch der Gott das Werk seiner Hände und Thon in seinen
Händen gewesen sei? Alles nur Bilder des Bildners? - ebenso wie der Wahn, der
Diebstahl, der Kaukasus, der Geier und die ganze tragische Prometheia aller
Erkennenden?" (Nach Mythos Prometheus 153)
Die Gestalt der Prometheus in ihrer Komplexität, zu der eben auch die Rolle des Menschenbildners gehört, findet im ausgehenden 18. und im 19. Jahrhundert eine ganze Reihe poetischer Evokationen (wie späterhin dann auch im 20.). So in Herders Dialog "Voraussicht und Zurücksicht. Ein Gespräch" (ersch. 1795), in Percy Bysshe Shelleys lyrischem Drama "Prometheus Unbound" ("Der entfesselte Prometheus", geschr. 1820), bei Mary Wollstonecraft Shelley in ihrem Frankenstein-Roman und Giacomo Leopardi (mit einem 1824 veröffentlichten Text über die "Wette des Prometheus" mit Momos).
Mit der Gestalt des Prometheus ließen sich diverse Fragen und Probleme verknüpfen, welche die Zeit der Aufklärung und danach beschäftigten; die in jener Gestalt angelegte Ambivalenz kam dabei zur Geltung - ihre Zwielichtigkeit zwischen Heldentum und Frevel.
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MODERNE
VARIANTEN
Albert
Camus: „Prometheus in der Hölle“, 1946
„Was
bedeutet uns heutigen Menschen Prometheus? Man
könnte zweifellos sagen, dass dieser gegen die Götter sich aufbäumende
Rebell das Vorbild des heutigen Menschen sei, und dass dieser Protest, der sich
vor Tausenden von Jahren in den Einöden Skythiens erhob, heute in einer
geschichtlichen Umwälzung zu Ende geht, die ohnegleichen ist. Dich gleichzeitig
mahnt uns etwas, dass dieser Verfolgte in uns weiterwirkt und wir noch taub
sind für den großen Schrei der menschlichen Revolte, für die er das einsame
Signal gegeben hat.“
„Prometheus
war jener Heros, der die Menschen genügend liebte, um ihnen zugleich Feuer und
Freiheit, Technik und Kunst zu schenken. Die heutige Menschheit benötigt und
erstrebt einzig das technische. Sie gelangt zum Ausbruch in ihren Maschinen und
hält die Kunst und ihre Ansprüche für ein Hemmnis und ein Zeichen der
Knechtschaft. Hingegen ist es für Prometheus kennzeichnend, dass er die
Maschine nicht von der Kunst trennen kann.“ (144)
Akzentuiert
wird die ethische Dimension des Prometheus-Mythos. Für Camus „erinnert der Mythos
des Prometheus daran, dass jede Einschränkung des Menschen nur vorübergehend
sein kann und dass man dem Menschen nur dient, wenn man ihm ganz dient.“ (147)
„Der
gefesselte Held bewahrt inmitten von Blitzen und göttlichem Donner seinen
ruhigen Glauben an den Menschen. Und so ist er härter als der Fels und
geduldiger als der Geier. Mahr als seine Revolte gegen die Götter hat diese
lange, geduldige Beharrlichkeit Wert für uns.“ (147)
Dazu: Günter Peters: System Prometheus, 33: „Eine andere Wendung [als Döblin]
gibt Albert Camus 1946 der Rolle des Mythos in den antinomischen Bewegungen der
Geschichte: Prometheus verkörpert für ihn die Idee der Befreiung des Körpers
und der Seele. Er hat die Menschen genügend geliebt, um ihnen zugleich Feuer
und Freiheit, Technik und Kunst zu schenken. Die Menschheit jedoch hat die
Kunst zugunsten der Technik, den Geist zugunsten des Körpers verachtet; sie hat
die Maschinen missbraucht und ist mit ihrer Hilfe in die Hölle marschiert. Um
aus den Katastrophen des Krieges und auch der Überbevölkerung des Planeten
herauszufinden, in die sie hineingeführt hat, bleibt die Technik unentbehrlich.
Aber Camus setzt hinzu: ‘Wenn wir uns damit abfinden müssen, ohne die Schönheit
und die Freiheit, die sie bedeutet, zu leben, so erinnert der Mythos des Prometheus
daran, dass jede Einschränkung des Menschen nur vorübergehend sein kann und dass
man dem Menschen nur dient, wenn man ihm ganz dient.’ Deshalb ist heute weniger
der revoltierende als der duldende Prometheus der Kern des Mythos: über dem
Hunger nach Brot die Poesie der Erde nicht zu vergessen.“
Hans
Blumenberg, Arbeit am Mythos (1979):
329:
„Zu den Grunderfahrungen des Menschen, noch des gegenwärtigen, gehört die
Flüchtigkeit der Flamme, des Feuers, auch in der Metapher dessen, was so leicht
erlischt wie das Leben. Die selten gewordene Verlegenheit, kein Feuer zu haben,
ist nur noch der Nachhall des Bewusstseins, dass Feuer etwas ist, was verloren
werden kann. Wenn dies uns gleichgültig zu lassen vermag, so nur deshalb, weil
wir gelernt haben und wissen, wie es gemacht wird. Nur unser in die Zeittiefe
eindringender Rückblick auf die Frühgeschichte des Menschen lässt uns die
Grenze erraten, an der der zufällige Feuererwerb in den ständigen Feuerbesitz
übergegangen war, vielleicht unter dem Druck einer Klimaveränderung. Der Mythos
berührt diese Schwelle - eine der Absenkungen des Absolutismus der Wirklichkeit
- mit der Vorstellung, das Feuer hätte den Göttern geraubt, den Menschen
gebracht werden müssen.“ (329)
Das
Feuer sei den Menschen stets ein Rätsel gewesen:
„Wo
er das Feuer braucht und gebraucht, wo er ihm einen Teil seiner Kunstfertigkeit
und Kulturfähigkeit zuschreibt, tritt (330) wie bei anderem der Verdacht auf,
es müsse sich schließlich doch verbrauchen, kraftloser werden, erstarren, der
Erneuerung bedürfen.“ (329f.)
„Man
wird erwarten, dass alte Handwerke, die vom Gebrauch und Besitz des Feuers
leben, seiner rituellen Pflege nahe stehen und Ausdruck verleihen“ (330).
Prometheus
ist der „alte Gott der Erneuerung des Feuers in den Werkstätten der attischen
Töpfer und Schmiede. Deshalb erhielten die Handwerker im Kerameikos-Quartier
von Athen das jährlich erneuerte Feuer im Fackellauf weiter vom Altar des
Prometheus (...). / Anerkennung von Abhängigkeit ist in kultischen Ritualen die
Versicherung von Dauer und Unverderb. Prometheus verbürgt den Menschen die
Unverwehrbarkeit ihrer Kultur. Nur dieser als Titan konnte das Feuer gestohlen
haben (...)“. (331)
„Der
Mythos (...) ist Darstellung von Irreversibilität. (...) Deshalb kann Zeus den
Raub des Feuers schlechthin nicht rückgängig machen und es den Menschen nehmen
(...).“ (331)
Der
Töpfergott Prometheus, der diese irreversible Wende bewirkt hat, sei dazu
disponiert, „für mehr als den Energiebesitz seiner Handwerker einzustehen, nämlich
für die ganze Lebensform der Menschen, ihr kulturelles Entwachsensein aus dem
nackten Naturzustand (...). Das prometheus-Mythologem ist die Reindarstellung
der archaischen Gewaltenteilung.“ (331)
„Es
ist ganz Stil des Mythos, wenn wir nichts darüber erfahren, weshalb Prometheus
bereit ist, Zorn und Verfolgung durch Zeus zu riskieren, um den Menschen so
viel Gunst zu erweisen. Entscheidend ist nicht, dass es ein Verhältnis des
Töpfers zu seinen Gebilden gab, sondern das Bild des reuelos Unerweichlichen, der
als Gefangener und Gepeinigter der Stärkere bleibt.“ (331)
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Prometheus als Sinnbild
Der
feuerbringende Titan gehört zu den ambivalentesten Gestalten des an
zwielichtigen Vertretern reichen Personals der antiken Mythen; er nimmt es in
dieser Hinsicht mit Dädalus auf und lässt Pygmalion, den anderen
Menschenschöpfer, um Längen hinter sich. Changiert das Bild des Feuerräubers
ohnehin seit je her zwischen dem des Rebell und des Begründers kultureller
Techniken, des Ordnungsstörers und des Ordnungsstifters, so vertieft sich diese
Mehrdeutigkeit noch, sobald Kultur und Technik selbst ins Zwielicht rücken und
hinter ihrer konstruktiven und lebensdienlichen Vorderseite eine destruktive
und lebensfeindliche Kehrseite entdeckt (oder die Existenz einer solchen statuiert)
wird. Gerade die Moderne hat eben deshalb der Figur des zwischen Menschen und
Göttern stehenden Titanen im Zuge ihrer Bemühungen um Selbstvergewisserung eine
Fülle an Deutungsmöglichkeiten abgewonnen und ihn unter sehr verschiedenen
Akzentuierungen zur Projektionsfläche ihrer hochgemuten, aber auch ihrer
krisengeschüttelten Selbstporträts gemacht. Wie Günter Peters in seiner
Abhandlung über das „System Prometheus“ zu Recht in Erinnerung ruft, sind es
vor allem (Selbst-)Porträts des Künstlers, denen die mythische Gestalt des
aufrührerischen Feuerbringers Leit-Bild dient - gehe es dabei nun um
emphatische Affirmation des ästhetischen Schöpfertums oder um dessen kritische
Würdigung als latent blasphemisches Unterfangen, gehe es um „die Rolle des
Schöpfers und des Rebellen, des Erlösers und Märtyrers“, um die des
„Konstrukteurs“ oder aber um die „des Gauklers und Komödianten“ (S. 31). Doch
über die ästhetisch-autoreflexiven Lesarten des Titanenschicksals hinaus ist es
die „condition humaine“ insgesamt, deren Widersprüchlichkeit sich in dieser
Gestalt spiegelt. Der Mythos „Prometheus“ zielt auf die „anthropologische
Ausstattung des Menschen“ (Peters, S. 31), insbesondere mit Blick auf seine
Stellung gegenüber den ihm überordneten oder ihm widerstreitenden Instanzen und
Mächten.
Kaum
eine antike Gestalt ist der Neuzeit als Vehikel der Selbstexplikation so
wichtig. Neben dem selbstbewusst-schöpferischen Künstler Prometheus ist es zum
einen der Aufrührer, der ob der politischen Implikationen seiner Gestalt zu literarischen
und bildnerischen Gestaltungen bis in die Gegenwart hinein gereizt hat - auch
wenn man geneigt sein mag, politischen Systemen und Ideologien, die sich
einsinnig-affirmativ auf die Gestalt des Prometheus berufen, mit Skepsis zu
begegnen. Zum anderen ist es der Macher, Erfinder, Technologe, dessen
zweideutige Spur sich vom antiken Epos und Drama bis zur zeitgenössischen
Streichholzschachtel erstreckt. Wie Robert Bees in seiner Abhandlung über „Das
Feuer des Prometheus“ verdeutlicht, reflektiert sich in den unterschiedlichen
Akzentuierungen der Prometheusfigur als „Betrüger, Retter und Feind der
Menschheit“ die sich wandelnde Bewertung von Kultur und Technik (S. 60). Doch
nicht erst die Neuzeit betreibt die Anverwandlung der so auslegungsfähigen Geschichte
und Gestalt des Prometheus an ihre eigenen thematischen Interessen,
Artikulations- und Reflexionsmodalitäten. Schon bei Hesiod beginnt die
Anpassung des Mythos an eine „Weltanschauung“ (S. 60), die sich vor allem durch
Vernetzung mit anderen Geschichten vollzog, welche von der des Prometheus
zunächst unabhängig gewesen waren. Mit dem „Prometheus Desmotes“ (dessen
Schöpfung durch Aischylos nach wie vor umstritten ist) erfolgte eine erste
Reaktion hierauf, auf welchen die Kyniker ihrerseits mit einer neuerlichen
Umdeutung des Prometheus reagierten. An seiner Figur entzündete sich schon in
der Antike die Kontroverse, wie die Menschheitsgeschichte zu bewerten sei: als
„Verfall, Fortschritt oder Verfall im Fortschritt“ (Bees, in Pankow/Peters:
Prometheus S. 61).
Franz Kafka: Prometheus. In: Sämtliche Erzählungen. Hg. v. Paul Raabe. Frankfurt a.M. 1970. S. 306.
„Von Prometheus berichten
vier Sagen: Nach der ersten wurde er, weil er die Götter an die Menschen
verraten hatte, am Kaukasus festgeschmiedet, und die Götter schickten Adler,
die von seiner immer wachsenden Leber fraßen.
Nach der zweiten drückte sich
Prometheus im Schmerz vor den zuhackenden Schnäbeln immer tiefer in den Felsen,
bis er mit ihm eins wurde.
Nach der dritten [Sage] wurde
in den Jahrtausenden sein Verrat vergessen, die Götter vergaßen, die Adler, er
selbst.
Nach der vierten [Sage] wurde
man des grundlos Gewordenen müde. Die Götter wurden müde, die Adler wurden
müde, die Wunde schloss sich müde.
Blieb das unerklärliche
Felsgebirge. - Die Sage versucht das Unerklärliche zu erklären. Da sie aus
einem Wahrheitsgrund kommt, muss sie wieder im Unerklärlichen enden.“