Krieg
als Heldenschöpfer – wie funktioniert das?
Ich werde anhand ausgewählter Hollywood-Filmbeispiele verdeutlichen, wie ein (Film-)Kriegsheld zu sein hat und wie er in keinem Fall sein darf. Dabei sollen beispielhafte Szenen aus dem Film „Saving Private Ryan“ für klares Heldentum und eine Beispielszene aus „Apocalypse Now“ für das genaue Gegenteil den absoluten Antihelden gezeigt werden.
Zunächst kurz zu den Inhalten der beiden Filme
Im Film „Der Soldat James Ryan“ bekommt der kriegstüchtige Captain John H. Miller nach der verlustreichen Landung in der Normandie den dringenden Befehl, mit einer kleinen Gruppe von Soldaten tief ins feindliche Gebiet vorzustoßen, um den letzten von ehemals vier Söhnen einer amerikanischen Mutter nach Hause zu holen (die übrigen drei waren binnen weniger Wochen an unterschiedlichen Schauplätzen des zweiten Weltkrieges gefallen). Auf der Suche nach James Ryan erlebt die Truppe alle schrecklichen Seiten des Krieges und muss schmerzhafte Rückschläge erfahren. Als sie Private Ryan schließlich finden, möchte dieser seine Kameraden nicht im Stich lassen, da sie zur Verteidigung einer strategisch wichtigen Brücke ohnehin zu wenig Männer und Munition haben. So kommt es, dass auch der Captain und seine übriggebliebenden Soldaten in der für sie finalen Schlacht gegen die Deutschen mitkämpfen. Trotz tapferer Gegenwehr und waghalsigem Einsatz werden die Alliierten immer weiter zurückgedrängt und drohen die Brücke zu verlieren, bis sich Captain Miller für seine „Jungs“ opfert und die ihm entgegenstürmenden feindlichen Soldaten und Panzer versucht aufzuhalten. Bei diesem heldenhaften Versuch wird er mehrfach von Kugeln getroffen, gibt aber dennoch seinen Kampf nicht auf, bis plötzlich überraschend Unterstützung aus der Luft eintrifft und die Feinde in die Flucht schlägt. Der Captain stirbt schließlich auf der Brücke im Bewusstsein seinen Auftrag erfüllt zu haben und „verabschiedet“ sich vom vor ihm stehenden Private Ryan mit den Worten: „ Zeig in deinem Leben, dass du es wert warst.“
Der Film Apocalypse Now handelt ebenfalls von einem Captain Miller, der mit einer kleinen Gruppe von GI´s losgeschickt wird, um einen Spezialbefehl hinter feindlichen Linien auszuführen. Auch er muss auf seiner „Reise“ alle widerlichen Seiten des Krieges erfahren und stumpft dabei immer mehr ab. Der teilweise von den Amerikanern grotesk geführte Vietnamkrieg (TV-Beiträge, Surfen, Musik, Alkohol) verleiht dem Film dabei ein ganz besonderes Flair und wirkt wie eine Gradwanderung zwischen Realität und Wahnsinn. Als der Captain schließlich als letzter Überlebender am Ziel seiner „Reise“ angelangt ist und den größenwahnsinnigen und außer Kontrolle geratenen Colonel Curts auftragsgemäß umbringt, endet der Film.
Zum Heldenbild in „Saving
Private Ryan“
Im Film „Saving Private Ryan“ kann man im Grunde die gesamte Masse der Alliierten die dem Feind tapfer entgegentreten als Helden bezeichnen. Mit Stärke, Entschlossenheit, Mut, Tapferkeit, Ehre und Brüderlichkeit ziehen sie in die Schlacht trotz der Gewissheit, dass nicht alle heil zurückkehren können.
Der Captain tritt jedoch noch im besonderen aus der Masse heraus und vereint in sich alle positiven Eigenschaften eines Helden. Er ist ebenfalls mutig, einfallsreich, hilfsbereit und mitfühlend, klug, durchhaltefähig und tapfer. Im zivilen Leben ist er Lehrer aus der Mitte des Volkes (sein Name „Miller“ verdeutlicht wie gewöhnlich er sein soll) und im Krieg Vaterfigur für seine Gefolgsleute. Sie sehen zu ihm auf und vertrauen ihm weitestgehend blind. Sein Makel (er hat eine stark zitternde Hand) ist ihm nicht hinderlich zeigt jedoch, wie verletzlich und menschlich er ist.
Captain John Miller hat kein Vergnügen am Krieg. Im Gegenteil – er verabscheut ihn und betont in mehreren Szenen, dass er sich mit jeder Person die er tötet weiter von zu Hause entfernt, seine Aufträge jedoch gewissenhaft ausführt, wenn dies bedeutet, dass er dadurch heimkehren darf. In einer Szene verschont er einen deutschen Soldaten, der zuvor einen seiner Männer erschossen hat (die Ironie dabei ist, dass dieser Soldat ihn später auf der Brücke erschießt) und zeigt dadurch wie sehr er das Morden verabscheut.
Immer wieder beten die Soldaten seiner kleinen Einheit zu Gott und demonstrieren somit ihre Hoffnung auf übermenschliche Hilfe.
Um den Kriegshelden zu demonstrieren folgen nun zwei Filmszenen. In der ersten Szene erfährt James Ryan vom Tod seiner Brüder und entschließt sich im Männlichkeitsrausch lieber bei seinen Kameraden zu fallen, als endlich zurück nach Hause zu kehren. Die zweite ausgewählte Szene ist die entscheidende für den Helden Captain Miller. Auf der Brücke opfert er sein Leben für das Leben seiner „Männer“.
Szene 1 (2:02:20 – 2:06:20)
Auffällig ist hier die Darstellung des „Mithelden“ Ryan, der trotz der entsetzlichen Nachricht vom Tod seiner Brüder stark und männlich bleibt. Trotz vereinzelter Tränen entschließt sich der Soldat rasch und eisern bei seinen Leuten zu bleiben und somit sein Wohl, dem Wohl seiner Kameraden, des Volkes und der Freiheit unterzuordnen. Es ist die Darstellung eines perfekten Soldaten.
Szene 2 (2:43:30 – 2:49:40)
Der Captain sieht, dass es an ihm liegt seine Männer zu schützen, indem er (selbst ohne Schutz) dem Feind entgegentritt um die Brücke zu sprengen. Er zeigt dabei Hin- und Aufgabe seiner eigenen Person und beweißt unerschrockenen Mut, beispiellose Tapferkeit und übergroße Opferbereitschaft.
Nachdem er getroffen wurde, gibt er seinen verzweifelten Kampf gegen einen übermächtigen Gegner trotzdem nicht auf. Sein Kampf mit der Pistole gegen den näher rückenden Panzer erinnert an David gegen Goliath. Das letztlich eintreffende Fluggeschwader ist wie ein Erhören der Gebete. Die letzten Worte des John Miller sind natürlich heldengemäß bedeutungsträchtig und wohl gewählt. Es ist kein bloßes Dahinscheiden mit gewöhnlichen Worten, sondern eine moralische und pädagogische Botschaft für den jungen Soldaten James Ryan. Er soll im Leben beweißen das er es wert war.
Zum Antihelden in „Apocalypse
Now“
In diesem Film wird ein völlig anderer Held skizziert. Der Protagonist ist zumindest am Ende des Films gefühlskalt und entschlossen. Er mordet letztlich aus Lust und „schlachtet“ sein Opfer regelrecht ab. Während des Films erfährt man, dass er bereits seit Jahren derartige Aufträge ausführt und spätestens seit diesem Zeitpunkt ein gebrochener und verlorener Mann ist. Unlängst hat er alle moralischen Züge und Werte verloren und somit auch jede Möglichkeit heldenhaft aufzutreten.
Um die Antikriegshelden in Apocalypse Now zu demonstrieren möchte ich eine Szene zeigen, in der der Regisseur ganz offensichtlich durch einen Stilbruch versucht zu vermitteln, wie pervers und antiheroisch Krieg ist.
Szene 1 (2:02:20 – 2:06:20)
Um eine sichere Fahrt eines Patrouillenschiffes zu gewährleisten, löscht ein Hubschraubergeschwader ein komplettes Dorf aus. Der Stilbruch besteht dabei in der Art der Darstellung. Die Männer haben Spaß und Lust am Töten der Einwohner und verschonen niemanden. Sie scherzen und klopfen Sprüche ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, was sie gerade wirklich tun. Untermalt wird diese Szene vom Walkürenritt aus Wagners Ring der Nibelungen. Aber ganz konträr zur musikalischen Begleitung, die sehr imposant und heldenhaft wirkt, verhalten sich die GIs völlig antiheroisch. Erst als die gröbste Gefahr vorüber ist, verlassen sie die sicheren und übermächtigen Hubschrauber und nehmen den Kampf Mann gegen Mann auf.
Fazit
Kriege und Krieger werden so dargestellt, wie sie die Öffentlichkeit wahrgenommen hat und wahrnimmt. Im zweiten Weltkrieg waren die Alliierten die Befreier und die Bevölkerung stand hinter ihnen. Es fällt hierbei leicht die Protagonisten als Helden darzustellen. Sie sind mutig, tapfer, gerecht und kämpfen für die richtige Seite. Es sind echte Männer oder das was Hollywood und Film für echte Männer hält.
Im Vietnamkrieg stand ein Großteil der Bevölkerung nicht hinter der Sache für die gekämpft wurde und somit auch nicht hinter den Soldaten die ihre Pflicht erfüllten. So wird zum Beispiel in Apocalypse Now kein Soldat als Held dargestellt. Keiner ist wirklich überzeugt von der Sache und keiner ist in seinem Handeln fehlerfrei. Mut, Tapferkeit und andere heldenhafte Qualitäten spielen über weite Strecken keine Rolle. Auffällig ist, dass sowohl in „Saving Private Ryan“ als auch in „Apocalypse Now“ der Held beziehungsweise Antiheld sehr gewöhnlich sein soll. Jedenfalls lässt der doch stark verbreitete Name „Miller“ darauf schließen, das Hollywood sagen möchte:
„Das könntest Du sein.“ (Hypothese)