Helden-Figuren.

WS 2003/04

(Prof. Wolfgang Beilenhoff/Filmwissenschaft; Prof. Monika Schmitz-Emans/Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft)

 

Das Seminar über „Helden“-Figuren verfolgt mehrere Interessen. I. „Figuren“ Zunächst einmal (und unter diesem Aspekt ist das Seminar dem Modultyp „Theorien, Modelle, Methoden“ zugeordnet) soll es anhand exemplarischer Fälle um die Frage gehen, was „Figuren“ in Literatur und Film sind, als was sie konzipiert und wie sie dargestellt werden. Dabei stellen sich u.a. folgende Fragen: Welche Konzeption von „Charakteren“ liegt der Darstellung von Figuren in literarischen Texten und in Filmen ggf. zugrunde? Welche ästhetischen Mittel werden eingesetzt, um Figuren darzustellen? Welche weiteren Voraussetzungen sind für literarische und filmische Figurendarstellung maßgeblich? Wo sind literarische und filmische Figurendarstellung vergleichbar oder sogar als analog beschreibbar; wo ergeben sich auf der Basis unterschiedlicher medialer Voraussetzungen Differenzen? Hinsichtlich der Darstellungsmittel, die für Entwurf und Profilierung von literarischen und Film-Figuren zur Verfügung stehen, ist natürlich insbesondere zwischen Formen und medien-immanenten Regeln sprachlicher und visueller Darstellung zu differenzieren. Aber die Dinge verhalten sich evidentermaßen nicht so einfach, daß in der Literatur Figuren sprachlich und im Film mit visuellen Mitteln dargestellt werden. Denn literarische Texte enthalten vielfach gerade bei der Darstellung von Figuren beschreibende Partien, welche die visuelle Erscheinung der Figuren besonders hervorheben und dieser Bedeutung verleihen. Und Film-Figuren werden selbstverständlich nicht allein durch ihr Aussehen und ihre virtuellen Kontexte, sondern auch durch ihre Sprechweisen charakterisiert. Zudem ist das Drama einerseits zwar eine literarische Gattung, andererseits bezüglich der Darstellungsmittel dem Film eng

verwandt; hier wie dort ist die Darstellung von Figuren ja Schauspielern überantwortet (Trickfilme einmal ausgeklammert), welche sich eines komplexen Reservoirs von sprachlichen, mimischen, gestischen und anderen Ausdrucksmitteln bedienen. Neben den visuellen, sprachlichen, gestisch-mimischen und sonstigen Darstellungsmitteln, die im jeweils einzelnen Fall der Konzeption und Profilierung von „Figuren“ konkret zum Einsatz kommen (also neben dem konkreten Aussehen, den konkreten Aussagen, dem Habitus und Verhalten der jeweiligen Figur), sind für diese Profilierung aber stets auch komplexe Kontexte maßgeblich: Erstens die Darstellungskonventionen, welche den Hintergrund der Ausgestaltung dieser einen Figur bilden, sowie zweitens ein in die Charakteristik der Figur einfließendes kulturelles Vorwissen. Darstellungskonventionen sind insofern maßgeblich, als jede Figur als exemplarische Realisation eines oder mehrere Figurentypen betrachtet werden kann. Dies ist besonders offenkundig, wo es um Genres geht, bei denen mit stark typisierten Figuren gearbeitet wird - wie etwa in der Commedia dell’arte. Aber auch in literarischen (und filmischen) Werken, mit denen es um die Darstellung individueller und ‘origineller’ Charaktere geht, kommen Typisierungen zum Tragen. Gerade der ‘Außenseiter’, das ‘Original’, der ‘Sonderling’ ist beispielsweise ein Figuren-Typus, dessen habituelle Züge ihn mit anderen Exemplaren des Genres vergleichbar machen. Erst auf der Basis des Vorwissens um solche Figurentypen werden dargestellte Figuren erkennbar, sei es als exemplarischer, sei es als unkonventioneller Spezialfall. Die Codierung von Figurentypen erfolgt auf verschiedenen Ebenen (sprachlich, visuell, körpersprachlich etc.) Eine besonders gewichtige Rolle spielt bezogen auf die Darstellung von Figuren die physiognomische Codierung. Die mit visuellen Mitteln arbeitenden Künste bedienen sich bei der Figurendarstellung physiognomischer Gestaltungsmöglichkeiten, die jeweils auf ein codiertes kulturelles Vorwissen Bezug nehmen (das Äußere wird als zeichenhafter Ausdruck für den „Charakter“ interpretiert). Auch für literarische Figurendarstellung werden physiognomische Codes vielfach relevant, insofern das Aussehen von Figuren ja dort, wo es beschrieben wird, besonders zur Interpretation einlädt. Neben solchen Darstellungs- und Deutungskonventionen, welche die ästhetische Kommunikation über Figuren prägen, ist ein komplexeres kulturelles Vorwissen für die Konzeption und die Interpretation solcher Figuren maßgeblich. Mit bestimmten Figurentypen verbinden sich teilweise weitläufige Assoziationspotenziale. Dies ist besonders offenkundig, wo die jeweilige Figurendarstellung Anspielungen auf tradierte Stoffe wie Mythen und Legenden oder auf historische Überlieferungen enthält. Dann steckt hinter der konkret dargestellten Figur ein oft weitläufiger

Überlieferungs- und Deutungshorizont, letztlich sogar der Gesamthorizont der Kultur, welche die Figur hervorgebracht hat. Figuren sind kulturell codiert und folglich als Chiffren innerhalb eines Kontextes „Kultur“ lesbar. Die Verknüpfung der einzelnen Figur mit den sie umgreifenden und bedingenden kulturellen Kontexten, ihre Verortung gegenüber dem Gedächtnisspeicher kultureller Gemeinschaften vollzieht sich medial auf verschiedenen Ebenen. Besonders wichtige Scharniere zwischen einzelner Figur und kulturellem Gedächtnis sind Namen: Wer, beispielsweise, den bekannten Namen einer mythischen oder historischen Figur trägt, profiliert sich vor dem Hintergrund der entsprechenden an diesen Namen geknüpften Überlieferungen. Aber auch sonstige Namen wirken

horizontbildend: ‘telling names’ etwa oder Namen, die bestimmte Assoziationswerte besitzen (Gottfried, Kunigunde...) Auch die jeweilige sprachliche Selbstdarstellung von literarischen, dramatischen, filmischen Figuren unterliegt einer für die Konzeption der Figur maßgeblichen Codierung. Wichtig sind hier sowohl stilistische Eigentümlichkeiten (Sprachduktus,  Stilniveau, Aussage- bzw. Kommunikationsweisen, dominante sprachliche Strukturen) als auch artikulatorische Eigenarten (Sprechweise, Stimmgestaltung), ferner

Gruppen- oder Sondersprachen, abweichendes Sprachverhalten sowie die pragmatischen Dimensionen der Figurenrede. Bezogen auf die jeweils besondere Figur im Film oder im literarischen Text gilt es, zunächst die Codes zu beschreiben, mit denen bei deren Charakteristik gearbeitet wird. Hiervon ausgehend kann dann nach der Funktion der Figur in ihren Kontexten gefragt werden. Dabei ist grundsätzlich zu differenzieren zwischen (1) ihrer Funktion im jeweiligen Werk-Kontext (also innerhalb des spezifischen literarischen Textes oder Films) und (2) ihrer Funktion in werkübergreifenden gesellschaftlich-politisch-kulturellen Zusammenhängen. Anders gesagt: Die Bedeutung einer Figur läßt sich erstens in Bezug auf ihre Funktion als Element eines ästhetischen Werks erörtern, also etwa auf ihre Rolle als Handlungsträger oder auf ihre Beziehung zu anderen Personen, auf ihre Signalfunktion für den Interpreten, eventuell auch auf ihre Rolle als Sprachrohr des Autors. Zweitens haben Figuren aber auch Bedeutungen, welche sich nicht unter Eingrenzung des Blicks aufs einzelne Werk erörtern lassen. Sie können beispielsweise als Leitbilder oder als Schreckbilder fungieren, sie können Gesellschaften, Ideen und Ideologien repräsentieren etc. Hier wiederum ist es oft sinnvoll, zwischen vordergründig vermittelten Aussagen und Botschaften einerseits, impliziten, oft verschlüsselten Intentionen und Funktionen andererseits zu unterscheiden. Gerade ideologische Befrachtungen von Figuren vollziehen sich auf der Basis eines komplizierten Regelwerks von Verschlüsselungen, die als solche nicht auf vollständige Transparenz hin angelegt sind. Zum einen soll bei der Darstellung von Leitfiguren deren Leitbildcharakter zwar erfaßt werden, doch die dabei aktualisierten Codes bleiben oft verborgen. Die Erörterung literarischer und filmischer „Figuren“ unter dem Aspekt der für ihre Darstellung maßgeblichen Medien und Codes sowie ihrer werkinternen und -externen Funktionen ist somit kein bloß ‘ästhetisches’

(literatur- und filmtheoretisches) Projekt. Sie besitzt viele Anschlußstellen an einen kritischen Diskurs, der sich mit der Beziehung zwischen den ästhetischen Medien und den gesellschaftlichen Machtverhältnissen auseinandersetzt. Von Vornherein zu vermeiden ist die Festlegung auf einheitliche und monokausale Deutungsmuster. Literarische Figuren können so zum einen zwar als funktionale Instrumente zur Stabilisierung gesellschaftlicher Strukturen dienen, zum anderen können sie aber auch destabilisierend wirken - etwa wenn sie zu kritischer Reflexion über Machtverhältnisse Anlaß geben.

 

II. „Helden“

Helden sind Figuren, die im Hinblick auf die skizzierten Zusammenhänge besonderes Interesse verdienen. (1) Erstens läßt sich an der Darstellung von Helden exemplarisch der Einsatz von Darstellungsmedien und -codes beobachten. (2) Zweitens eignen sich Heldenfiguren besonders zur Erörterung der Frage nach ihrer Funktion im jeweiligen ästhetischen Kontext. (3) Drittens schließlich stehen gerade Heldenfiguren in Beziehung zu komplexen kulturellen und gesellschaftlichen Codes. Sie sind vielfach in hohem Maße funktional: konzipiert als Leitbilder und als Projektionsflächen kollektiver Phantasien, treten sie in den Dienst der Affirmation, aber auch der Infragestellung bestehender Strukturen und Machtverhältnisse. Dies ist aber gleichsam nur ein Gesicht der literarischen und filmischen Auseinandersetzung mit Helden. Eine andere Dimension der Fragestellung eröffnet sich anläßlich solcher Texte und Filme, welche die Unmöglichkeit von Heldentum reflektieren und tradierte Heldenbilder dekonstruieren. Der Anti-Held und der Nicht-Held sind in besonderem Maße modernespezifsche Figurentypen. Bei der Darstellung von Helden und Antihelden besitzen vielfach die grundsätzlich zur Figurendarstellung einsetzbaren ästhetischen Mittel und Codes eine besonders prägnante Rolle. Um den Helden als solchen erkennbar zu machen, wird er oft mit spezifischen visuellen Charaktistika und habituellen Besonderheiten ausgestattet. (Komplementär dazu gibt es auch solche Helden, die sich gerade durch Unauffälligkeit auszeichnen, dann aber unversehens gleichwohl in ihrer Heldenrolle enttarnt werden.) Bei der Erörterung von Heldenfiguren erscheint eine zweifache Differenzierung sinnvoll: Erstens sind - wie bei „Figuren“ generell - die verschiedenen ästhetischen Mittel und Codes zu unterscheiden. Zweitens läßt sich bezogen auf die dargestellten Helden zwischen Typen unterscheiden, wobei man verschiedene Typisierungskriterien anwenden könnte. Eine besonders wichtige Typisierungsstrategie ergibt sich aus der Unterscheidung der verschiedenen Funktionen von Helden sowie - konkreter - ihrer jeweiligen Anbindung an unterschiedliche Bereiche menschlicher Praxis und an unterschiedliche Diskurse. Es gibt Helden des Kampfes (Krieger), Helden der theoretischen Neugier (Entdecker, Wissenschaftler), Helden der Moral (Heilige, Märtyrer), Helden mit gesellschaftlichen Vorbildfunktionen (Idole, politische Leitbilder), Helden der Arbeit, des Sports etc. Es ist davon auszugehen, daß die Beziehung zwischen (ästhetisch

dargestellten) Helden und Gesellschaften dem kulturellen und historischen Wandel unterliegt. Welcher Heldentypus oder welche -typen jeweils von dominantem Interesse sind, ergibt sich aus dem Zusammenspiel von gesellschaftlicher Praxis und herrschender Ideologie. Heldenbilder spiegeln die prägenden Diskurse einer Zeit und einer Gesellschaft; sie lassen Rückschlüsse auf Ordnungen des Denkens und Handelns zu und können sich zu diesen sowohl affirmativ als auf kritisch-destabilsierend verhalten.

 

III. Moderne Helden?

Die Beziehung der ästhetischen Moderne zu Helden ist komplex. Zum einen haben - so könnte man zumindest mutmaßen - die alten Heldentypen nach dem Obsoletwerden der durch sie repräsentierten Ordnungssysteme ausgedient. Dies wäre damit begründbar, daß ihre Heldentaten sich in einer technisierten, den Gesetzen der Ökonomie unterworfenen und verwalteten Welt anachronistisch ausnehmen: Die Muskeln des Herkules können es mit der modernen Kriegstechnologie nicht mehr aufnehmen, die Tapferkeit des Theseus vermag nichts gegen Panzer - und das Heldentum von Glaubenskriegern, die ihr Leben für Ideen opfern, erscheint in der Ära der Selbstmordattentäter auf gespenstische Weise mittelalterlich. (Gespenstisch im Sinne von wiedergängerisch - aus der Geschichte der eigenen Kultur vertraut.) Spätestens mit Don Quijote, der partout ein heldenhafter Ritter sein wollte, obwohl die Welt, in der er lebte, gar keinen Raum mehr für Helden bot und keinen bedarf an ihnen hatte, wurde dem alten Heldentum ein Ende gesetzt, das auf Mut, Kampfbereitschaft und Standhaftigkeit beruhte. Mehr noch: Im Zeichen des modernespezifischen Kontingenzdenkens könnte es fraglich erscheinen, ob es Helden in eindeutiger Leitbildfunktion überhaupt noch geben kann. Sind mythische Heroen mehr als Exponate im Museum des kulturellen Gedächtnisses? Zum anderen freilich haben Helden offenbar anhaltend Konjunktur - insbesondere als Folge der für die Moderne charakteristischen Tendenz zur Überschreitung gesetzter Grenzen und zur Infragestellung bestehender Ordnungen des Wissens und des Handelns. Mit den Namen des Prometheus und des Odysseus verbinden sich diverse Aspekte und Probleme, die für die Selbstverständigung des modernen Bewußtseins grundlegend sind. Der Name des Prometheus verweist auf den Prozeß der Kulturstiftung, auf die Idee des Fortschritts durch Technik und auf die Fragwürdigkeiten solchen Fortschritts, auf das menschliche Streben nach Usurpation göttlicher Macht und auf die Bereitschaft, Fortschritt durch Leiden zu erkaufen. Der Name des Odysseus ist verbunden mit der Idee einer unabsehbar langen und weiten Reise, eines ständig neuen Aufbruchs, einer gefährdeten Heimkehr, aber auch mit dem Anspruch, selbst den feindlichsten Mächten durch List und Ausdauer Widerstand zu leisten. Die folgenden Figurentypen können als repräsentativ für die Moderne gelten und dabei als „Heldentypen“ apostrophiert werden:

(1) Erstens der des Repräsentanten einer theoretischen Neugier, die sich über alle Schranken und Tabus hinwegsetzt.

(2) Zweitens der Erfinder, der die natürlichen Kräfte in menschliche Gewalt bringt und auf eine restlose technische Beherrschung der Natur hinarbeitet.

(3) Drittens der Konstrukteur, der die Natur imitiert und sogar überbietet, insbesondere als Konstrukteur und Manipulator lebendiger Wesen.

(4) Viertens der rastlose Entdecker als Verkörperung des modernen Strebens nach ständiger Grenzüberschreitung und immer neuem Raumgewinn. Teilweise werden entsprechende Figuren im Rückgriff auf alte Heldentypen modelliert. Das Thema einer keine Grenzen anerkennenden theoretischen Neugier verbindet sich oft mit dem Namen Fausts. Die moderner Natur-Bezwinger und Konstrukteure erscheinen als Nachfahren des Prometheus. Und das rastlose Streben, die ziellose, keinem bestimmten Ende zustrebende Reise wird mit den Namen der Legendenfiguren Ahasverus (des Ewigen Juden) und des Barend Fokke (des Fliegenden Holländers) verknüpft, aber auch mit dem des Odysseus. Insofern haben die alten Helden eben doch nicht ausgedient. Aber die Behauptung, daß sich die Helden des alten Typs überlebt haben, erscheint noch aus einem weiteren Grund als simplifizierend. Denn die

Alltags- und Populärkultur bezeigt das Gegenteil: Das Museum der alten Helden ist lebendiger denn je. Zu fragen wäre dabei etwa, ob sich die Grenzlinie zwischen alten Helden und modernespezifischen Heldentypen zur Markierung der Differenz zwischen ästhetisch avancierteren Werken und Populär-, ja Trivialkultur eignen könnte. Jedenfalls tummeln sich in der Populärkultur und ihren Lieblingsmedien die Helden, und viele von ihnen entbehren jeder (selbst-)ironischen Relativierung. Helden im Zeichen sich wandelnder kultureller Kontexte und im Zeichen sich wandelnder medialer Darstellungspraktiken sind Indikatoren komplexer bewußtseinsgeschichtlicher Zusammenhänge. Angesichts der unüberschaubaren Meute von alten und neuen Helden ist im Rahmen eines Seminars allerdings ein exemplarisches Vorgehen notwendig.