Warum Helden?

Ein paar Überlegungen zur Semestermitte

 

 Heldenverehrung

 

1. Im Jahr 1841 verfasste der Philosoph Thomas Carlyle seine umfangreiche geschichtsphilosophische Schrift „On Heroes, Hero-Worship, and the Heroic in History. Six Lectures Reported with Emendations and Additions“(vgl. dazu die Thesen von Frau Lippmann). Carlyle sichtet die Heroen der Menschheits- wie der Göttergeschichte, wobei er keineswegs nur kulturgeschichtliche Interessen verfolgt. Vertreter eines halbgöttlichen Heldentums sind für Carlyle der nordische Gott Odin (der ‘Held als Gottheit’), der Islamstifter Mohammed (der ‘Held als Prophet’), ferner Dante und Shakespeare (der ‘Held als Dichter’), Luther und John Knox (der ‚Held als Priester’), sowie Samuel Johnson, Rousseau, Robert Burns (der ‘Held als Schriftsteller’), Cromwell und Napoleon (der ‘Held als König’).

 

Für Carlyle sind diese Gestalten Leitbilder (’Captains’), die verehrt und denen nachgeahmt werden müssen. Sie bändigen das Chaos der Massen und wirken sinnstiftend. Die Universalgeschichte als die „Geschichte dessen, was der Mensch in dieser Welt erreicht hat“, ist für Carlyle das Werk solcher Heroen. „Alles, was wir in der Welt sehen, ist nur das äußere, dingliche Resultat, die praktische Verwirklichung und Verkörperung von Gedanken, die in den großen Männern lebten, welche in die Welt gesandt wurden.“ Die Weltgeschichte, so impliziert Carlyles These, sei nichts anderes als die Summe der Lebensgeschichten der großen Männer. Diese sind zu allen Zeiten Anführer und Schrittmacher der Menschheit („Führer der großen Menge, die ihnen nach unabänderlichen Regeln folgt“). Die Gegenwart ist hier ausdrücklich miteinbegriffen.

 

2. Man könnte auf den Gedanken kommen, diese 150 Jahre alte Schrift schon bezogen auf ihre Zeit des Anachronismus zu verdächtigen. In jedem Fall scheint sie aus dem Blickwinkel der Gegenwart obsolet - sei es, dass man marxistisch oder postmarxistisch, systemtheoretisch oder dikurstheoretisch, zivilisitationskritisch oder fortschrittspessimistisch argumentiert, sei es auch, dass man nur einmal Revue passieren lässt, was im 20. Jahrhundert aus dem Glauben an die geschichtsprägende Macht der großen Führer geworden ist. Das Individuum ist im Verlauf der letzten 150 Jahre totgesagt, der freie Wille zur bloßen Selbsttäuschung erklärt worden. An den historischen Fortschritt zu glauben, impliziert eine bedenkliche Naivität, und wer es für geboten erklärt, großen Anführern nachzueifern, setzt sich dem berechtigten Verdacht aus, totalitäre Systeme ideologisch zu munitionieren.

 

Die Avantgarden des 20. Jahrhunderts wie die im engen und weiteren Sinn kultur- und gesellschaftskritisch motivierten Strömungen des vergangenen 20. Jahrhunderts haben an die Stelle der Heroen manch anderes gesetzt: den Verweigerer, den Antihelden, die komische Figur.

 

3. Dennoch ist die Gegenwartskultur, ist die von Medienereignissen geprägte Gegenwartswelt voll mit Helden - und mit Wundern, die sich um diese herum ereignen. Die Sehnsucht nach Wundern (von Lengede, von Bern) scheint nicht geringer als die nach Helden zu sein. Seit 1970 vergleicht sich jede Studentengeneration mit den Helden von 1968. Die kommerzielle Welt des Sports lebt von Helden. Das Heldenepos macht in vielfachen Varianten Kinogeschichte: vom „Lord of the Rings“, dessen Romanvorlage stofflich eine vormoderne Zeit heraufbeschwört, bis zu den teils komischen, teils tragischen Erfolgsgeschichten des Kleinen Mannes, der sich tapfer durch eine Welt von Gefahren schlägt. („Findet Nemo“ zeigt, dass das selbst für Fische gilt.) Stadtbibliotheken fordern junge Leser auf, ihren Lieblingshelden zu benennen. Gibt man in „google“ das Stichwort „Helden gesucht“ ein, so ergeben sich die verschiedensten Treffer. Dazu gehören Werbeaktionen für Blutspendedienste, selbstironische Präsentationen von Schulklassen (mit Fotos der Beteiligten im Superman-Kostüm), Zusammenstellungen von kritischen oder zur Kritik herausfordernden Medienberichten über die US-amerikanische Militärpolitik etc. Helden sind überall: ein Blick ins aktuelle Fernsehprogramm genügt.

 

 

Andere Hypothesen wären denkbar. Wer sich im Folgenden mit einem Helden nach Wahl beschäftigt, mag dabei die Frage im Auge behalten, unter welchen diskursiven Vorzeichen dessen Heldentum steht.